Emile Zola: Das Geld

„Alles ist möglich“

Der Roman „Das Geld“ ist der 18. Band des zwanzigbändigen Romanzyklus „Die Rougon-Marquart“, in dem Zola ein umfassendes Panorama der französischen Gesellschaft des Zweiten Kaiserreiches unter Napoleon III. zeichnet. Der Roman ist jedoch als eigenständiges Werk lesbar. Erstmals in Buchform erschienen ist „Das Geld“ 1891. Geschichtlich befinden wir uns also in einer Gesellschaft, die geprägt ist von zunehmender Industrialisierung. Banken werden gegründet. Die Bewohner der Hauptstadt der „Grande Nation“ ist einerseits voller Euphorie, andererseits fürchtet so mancher, dass der Aufschwung auch ein böses Ende haben könnte. Entsprechend dieser Befürchtungen ist auch die Stimmung im Roman, dessen Hauptschauplatz die Pariser Börse ist, geprägt von gegensätzlichen Emotionen und Leidenschaften. „Alles ist möglich“ - das ist alles, woran die Bankiers denken. Möglicherweise wird sich herausstellen, dass eine solche Einstellung ein wenig zu risikofreudig ist.

Einer der Protagonisten, Aristide Saccard, der schon in vorigen Bänden der Rougon-Marquart durch Spekulation all sein Vermögen verloren hat, versucht nun mit seinem Charisma und Euphorie, ganz Paris von seiner neuesten Idee, dem Projekt „Bank Universelle“, zu überzeugen. Eine global ausgerichtete Bank. Unzählige Anleger investieren ihr Geld in freudiger Erwartung, bis sie sich einige Jahre später dem finanziellen Ruin gegenüberstehen sehen.

Wie kann so etwas passieren? Immer und immer wieder? Diesen Fragen geht Zola auch in diesem Roman nach. Er schildert den Gewinnrausch, dem alle Spekulanten, Anleger und Makler erliegen, wenn es um immer höhere Summen geht. Dass die Vernunft an dieser Stelle keinen Raum mehr einnehmen kann, wird wohl deutlich, wenn man sich die vielen Fehlspekulationen und Bankrotte ansieht. Opfer sind häufig die naiven und gutgläubigen Kleinanleger, die auf die Erfüllung der Gewinnversprechungen der „Großen“ hoffen und sogar vertrauen.

„Das war die unausbleibliche, periodisch wiederkehrende verheerende Seuche, die alle zehn bis fünfzehn Jahre an den sogenannten schwarzen Freitagen den Markt rein fegt und den Boden mit Schutt bedeckt. Jahre müssen vergehen, ehe das Vertrauen von neuem erwacht und die großen Bankhäuser wieder aufgebaut werden, bis dann die allmählich angefachte Spielleidenschaft wieder hell auflodert, die Geschichte von vorne anfängt und eine neue Krisis herbeiführt, die in einem neuen Krach alles vernichtet.“ (Seite 528)

Abraham Lincoln hat einmal gesagt: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ Wenn man für das Wörtchen Macht nun einmal Geld einsetzt, trifft das wohl sehr genau, was Zola zu beschreiben versucht. Die Gier und Triebhaftigkeit der Menschen nach Geld und Reichtum kommen in diesem Roman erschreckend real und deutlich zur Geltung. Geld bedeutet Macht, Macht bedeutet Geld.

Ich habe diesen Roman deshalb so gern gelesen, weil er, obwohl vor langer Zeit veröffentlicht, heute keinen Deut an Bedeutung und Aktualität verloren hat. Die Ambivalenz des Geldes, die Fähigkeit Gutes wie Böses zu schaffen, wird uns auch heute noch tagtäglich vor Augen geführt.

Geld beeinflusst das Leben eines jeden Menschen. Niemand ist nicht betroffen. Es werden andere Wege eingeschlagen, weil möglicherweise nicht genug Geld vorhanden ist, um den Weg zu gehen, den man ursprünglich gewählt hat. Die Ursache von gescheiterten Beziehungen liegt häufig im Geld, in welcher Art und Weise auch immer. Genau aus diesem Grund ist dieses Buch unglaublich lesenswert. Es gibt eben nicht nur ein wahrheitsgetreues Abbild vom Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts, es betrifft einen jeden von uns in irgendeiner Art und Weise. Absolut empfehlenswert!

„Noch immer ist das Geld der Düngerboden, auf dem die Menschheit von morgen wächst, das vergiftende und vernichtende Geld ist die treibende Kraft eines jeden sozialen Wachstums, der notwendige Nährboden für die großen, das Leben erleichternden Arbeiten.“ (Seite 585)

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