Peter Behrens: „Das Gesetz der Träume“

Irland 1846: Der Junge Fergus ist etwa 15 Jahre alt. Sein Vater ist Pächter eines Stück Landes des Großbauern Charmichael. Das Land an sich ist zu nichts anderem zu gebrauchen als für Kartoffeln. Mehr schlecht als recht können sich die Bergbauern damit über Wasser halten. Charmichael jedoch ist ein guter Mensch mit einem großen Herzen und viel Verständnis für ihre Not.

Eines Tages, Charmichael hat für seine Bauern und Erntehelfer ein Essen auf einer schönen Wiese ausgerichtet, kehren die Bergbauern zu ihren Hütten zurück und bemerken einen unangenehmen, fauligen Geruch: „Ungetaufte Neugeborene wurden unter Steinen begraben, damit die Hunde nicht an sie herankamen. Manchmal wurden die Steinhaufen zu früh von einem Grab genommen, um für das nächste verwendet zu werden, so dass die kleinen Toten ungeschützt lagen – aber dieser Geruch war anders, gewaltiger.“ Die Kartoffelfäule hat den zahllosen Familien ihre Lebensgrundlage genommen. Sie verschwinden alle.

Irgendwann sieht selbst Charmichael ein, dass es keinen Zweck mehr hat, zu bleiben. Schließlich verharrt nur noch Fergus´ Familie in ihrer Hütte. Fergus beschreibt den langsamen Verfall. Des Landes und der Menschen, seiner Familie. Seine kleinen Schwestern liegen bereits tot in ihren verdreckten Kojen aus Stroh, während seine Eltern sich noch immer quälen: der Hunger, die Krankheiten. Sie haben das schwarze Fieber, Typhus. Schließlich kommen Soldaten und fackeln die Hütte, sein zu Hause ab. Fergus kommt ins Armenhaus. Erst glaubte er, in der Stadt sei das Leben anders. Lebenswert. Doch schnell merkt er, dass auch hier der Tod grassiert. Auch in der Stadt hungern die Menschen, betteln, leiden, kränkeln vor sich hin und enden schließlich wie alle, die das Fieber gepackt hat: in dem tief ausgehobenen Loch, in das alle Fiebertoten geworfen werden. Gestapelt, verworren, verwest.

Das ist erst der Anfang einer abenteuerlichen, schicksalhaften Reise eines Jungen, der das Leben, die Welt und sich selbst kennen und verstehen lernen muss.

Die Kapitel im Roman sind recht kurz, aber zahlreich. So auch in seinem Leben. Fergus trifft die unterschiedlichsten Menschen, schließt sich ihnen an und verschwindet wieder, vertrieben oder geflüchtet. Gerade wenn man glaubt, er habe irgendwo Halt gefunden, bricht alles wieder zusammen. Tod, Gewalt und Leidenschaft ist allgegenwärtig. Fergus denkt viel. Und träumt. Sehr poetisch, philosophisch, gleichzeitig naiv und lebensklug durchziehen Gedanken sein Handeln. Selbst Gewalt, Lüge und Betrug scheinen dadurch Sinn zu ergeben.

Anfangs schließt er sich einer Bande an, Kinder und Erwachsene. Die Bog Boys. Sie ziehen wie Guerillas durchs Land und erbeuten, was sie zum Überleben gebrauchen können. Später erfährt er, dass der Anführer ein Mädchen ist. Sie hat sich als Junge ausgegeben. Eine starke Person mit ihren jungen Jahren. Dieser Art Frau wird Fergus auf seiner Reise noch häufig begegnen: stark, zäh, lebenswillig. Je öfter er mit Frauen wie dieser zu tun hat, desto stärker wird auch er. Die letzte Frau, mit der Fergus zusammen ist, hat einen so unbändigen Willen nach Glück, Freude und friedvollem, erfüllten Leben, dass sie ihn mitzieht in einen Sog der Aufbruchstimmung. Molly. Ihr Traum ist es, nach Amerika zu gehen, um dort ein Leben fernab von Krankheit, Tod, Leid und Elend zu führen. Fergus lässt sich mitreißen. Durch eine List schaffen sie es beide, sich aus den Klauen eines tyrannischen Mannes zu befreien und tatsächlich auf eines der rettenden Schiffe in Richtung Zukunft zu gelangen.

Doch die freudvolle Euphorie verstirbt schnell, als sie merken, dass selbst auf dem Meer niemand von Krankheit und Tod verschont bleibt. Aber als Fergus schließlich von Molly, mit der er sich eine Zukunft hat vorstellen können, bitter enttäuscht und verletzt wird, fasst er einen entscheidenden Entschluss. Fergus hat inzwischen viel dazugelernt. Vor allem, sich selbst treu zu sein: „Was für eine Rolle spielen sie schon, die Seelen der anderen? Im Inneren deines Kopfes bist du allein. Nichts ist wirklich, nur die Gespräche in deinem Kopf.“ Er fasst sich ein Herz und lässt Molly allein. Sein Wille ist stark genug geworden, um den Spieß einmal umzudrehen. Er hat jetzt einen eigenen Plan, eine eigene Idee. Bisher waren es immer die anderen, die Frauen, von denen er sich hat leiten lassen.

„Das Gesetz der Träume“ zeichnet auf ganz wunderbare Weise die ganz schrittweise Entwicklung eines Jungen nach, der brutal ins harte Leben des 19. Jahrhunderts gestoßen wird. Obwohl er nicht immer den tugendhaft richtigen Weg wählt, stimmt man ihm doch bei allem Handeln zu. Weil man seine Gedanken kennt. Wirr und überfordert manchmal, aber so ehrlich und klug. Man müsste selbst einmal überlegen, was einen heutzutage so „quält“ und worunter wir „leiden“ und ob es wirklich Sinn macht, dieses als ernsthaft schwierig oder problematisch zu begreifen. Und warum man sich so schnell von Träumen abbringen lässt. Oder aber noch nicht einmal mehr großartig welche hat. Alles fließt so vor sich hin. Weil man in Wirklichkeit gar keine besonders großen Sorgen hat.

Melanie* Nagel

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