Das Gespenst von Canterville von Oscar Wilde

Vorgestellt von Isabel Bolinger

Ein Interview

Reporter: Zunächst einmal möchte ich betonen, was für eine Ehre es ist, ein so berühmtes Gespenst wie Sie Sir Canterville kennenlernen zu dürfen.

Gepenst: Jaja.

R: Noch dazu von blauem Blut! Obwohl in ihrem Zustand haben Sie wahrscheinlich gar kein Blu-

G (aufbrausend): Zweifeln Sie etwa an meinen Adelsgeschlecht?

R: Oh nein, bitte verzeihen Sie. Ihre ruhmreiche Abstammung ist mir natürlich durchaus bekannt.

G (milde gestimmt): Nun denn, kommen wir endlich zur Sache.

R: In Ordnung. Beginnen wir doch mit der Frage, was Sie dazu veranlasst hat, an die Öffentlichkeit zu treten.

G: Nun, alles begann damit, dass diese fürchterliche amerikanische Familie Otis in mein wertes Schloss zog, das ich nun schon seit 3 Jahrhunderten, genauer gesagt seit 1584, heimsuche. Und das mit großem Erfolg! Man bedenke nur den Kammerdiener, der sich bei meinem bloßen Anblick erschoss oder auch die Lady Stutfield, die sich im Karpfenteich ertränkte. Der Pfarrer, für immer ein nervliches Wrack! Oh, was habe ich nicht für Stücke geboten: „Martin der Wahnsinnige“, „der kopflose Graf“, „das Skelett des Selbstmörders“! Und selbst als ich noch unter den Lebenden weilte, ermordete ich meine Gattin!

R(räuspert sich): Wirklich sehr beeindruckend…

G: Aber diese Amerikaner haben nicht mal mehr genug Aberglauben, um einem Geist die nötige Angst entgegen zu bringen! Verstehen Sie?

R: Ich verstehe.

G: Und erst recht diese Bälger! Keine Furcht mehr die Jugend von heute! Der Älteste von ihnen hat es doch tatsächlich gewagt, dem Blutfleck, der die Ermordung meiner Gattin bezeugt, immer wieder mit Pinkertons Blitzblank Fleckenentferner beizukomm!

R: Immer wieder??

G: Ja, ist das zu fassen? Ich habe den Fleck natürlich pflichtbewusst täglich erneuert. Wobei ich leider nur Wachsmalstifte zur Verfügung hatte und das Rot neigte sich irgendwann gen Ende und…aber wie dem auch sei! Am schlimmsten waren allerdings diese Zwillingsteufel! Haben mir aufgelauert und Fallen gestellt. Welch Demütigung das ist für ein Gespenst meines Formats, können Sie sich das vorstellen? Bald habe ich mich in meinem eigenen Schloss nicht mehr sicher gefühlt und erst recht nicht gefürchtet! Aus diesem Grund habe ich jetzt eine Hilfsorganisation für nicht mehr ernst genommene Geister ins Leben gerufen und hoffe sehr auf eine neue Blütezeit unserer schandhaften Taten! Mit diesem Interview möchte ich die Gesellschaft auf dieses Problem der heutigen Zeit aufmerksam machen und zu Spenden aufrufen!

R: Nun, ich denke, dass haben Sie hiermit sehr anschaulich getan…

(Isabel Bolinger, 2012)

Vorgestellt von Rebekka Koesling

Vom Schauergespenst zur Witzfigur! Dass das so schnell geht, hätte Sir Simon sich nie erträumt. Aber mit dem Einzug der Familie Otis mit ihren frechen Buben ist nichts mehr wie zuvor. Jahrhundertelang hatte er alle Besitzer vergrault oder im wahrsten Sinne zu Tode erschreckt und nun geschah es genau andersrum.
Nach mehreren Attacken von ihnen, zog er es vor, in seinen Zimmer zu bleiben und wenn nur in der großen Halle mit Pantoffeln seinen mitternächtlichen Rundgang zumachen.
Auch die Tatsache, dass der junge Herr Otis sich an dem legendären Blutfleck zu schaffen machte, setzte ihm sehr zu. Durch die junge mitfühlende Virginia Otis sieht er aber eine Chance, endlich Frieden zu finden, denn eine Prophezeihung besagt:

Wenn`s einem goldnen Mädchen gelingt,
Dass es Sünderlippen zum Beten zwingt,
Wenn der dürre Mandelbaum Blüten sprießt,
Und ein Kinderauge Tränen vergießt,
Dann wird´s im ganzen Schlosse still,
Und Friede kommt nach Canterville.«

So machen sich die beiden auf, in die Hölle zu gehen, um Sir Simon von seinen Geistsein zu erlösen. Das verschwinden der jungen Lady bleibt jedoch nicht unbemerkt und schon bald sucht das ganze Schloss nach ihr. Als die Hoffnung schon langsam schwand, kam sie aus einer Tür aus der Wand.
Bei sich trug sie eine Schatulle mit kostbaren Juwelen, der Dank des Gespenstes an sie. Zum Zeichen seiner Vergebung erblühte der dürre Mandelbaum und die Familie Otis trug Sir Simons Gebeine auf dem Friedhof zu Grabe. Dadurch kehrte endlich der Frieden in Schloss Canterville ein.
Dieses kleine Büchlein von Oscar Wilde hat es wirklich in sich. Als ich mich für dieses Buch entschied, wusste ich noch nicht, dass Klassiker so humorvoll und satirisch geschrieben sein könnten. Es hat mich wirklich sehr positiv überrascht und ich würde es jeden empfehlen, der einen einfachen und witzigen Einstieg in die Klassik sucht.

Rebekka Koesling, 22.02.2012, 20:00

Vorgestellt von Pia Lenz

Amerikaner kauften bei Zeiten das Schloss
„Canterville“, nun ist Otis der Boss.
Lord Canterville warnte vor dem Spuk,
der Botschafter glaubt nicht diesem Unfug.

Entsetzt sind sie in der Bibliothek ein Blutfleck,
jeden Tag wieder versucht, doch er geht nicht weg.
Das Gespenst will erschrecken die Familie so sehr,
doch sie lassen es nicht, sie quälen es mehr.

Das Gespenst entrüstet von diesem Verhalten,
noch nie ein Gespenst konnt' so schlecht unterhalten!
Es sinnt auf Rache, das hat es beschlossen,
doch dafür wird's mit dem Blasrohr beschossen.

Es versucht etwas neues, doch sieht es da,
ein and'res Gespenst: „Uuuaaahh!“
Am nächsten Tag will's sprechen mit dem Wesen,
da sieht's, es besteht aus Kürbis und Besen.

Es ist Gesetz zu spuken auf eine Weise,
doch macht das Gespenst es nun ganz leise.
Denn aufgegeben die Hoffnung zu dieser Stund',
es geht ihm schlechter, fühlt nicht gesund.

Die Tochter findet das Gespenst ganz verstört,
es will nicht mehr, doch wird's nicht erhört.

Am Abend desselben, alle sind durcheinand',
wo ist die Tochter, doch sie kommt durch die Wand.
Ganz aufgelöst und zitternd steht sie da,
und nun wird auf einmal alles klar:

„Wenn's einem goldnen Mädchen gelingt,
dass es Sünderlippen zum beten zwingt,
wenn der dürre Mandelbaum Blüten sprießt
und ein Kinderauge Tränen vergießt,
dann wird's im ganzen Schlosse still,
und Friede kommt nach Canterville.„

(Pia Lenz, 2010)




Vorgestellt von Melanie Albrecht


Sehr geehrte Damen und Herren der Geisterbehörde für Gruselangelegenheiten,

mit diesem Schreiben teile ich Ihnen mit, dass ich meine Stelle in meinem Heim, dem Schloss von Canterville, aufgeben werde. Lieber würde ich eine neue Stelle in einer Geisterbahn antreten, als noch ein weiteres Mal diese Schmach zu ertragen vor unwürdigem Publikum zu spuken. Die neuen Bewohner meines ehrenwerten Heimes sind ein Graus. Amerikaner!!!
Aus mir unerklärlichen Gründen bin ich nicht mehr in der Lage die selbst einfachsten und schaurigsten Gespenstertricks zum Besten zu geben. Der traditionelle Blutfleck meiner Ahnen, den ich immer wieder erscheinen lassen musste, weil diese Banausen es wagten ihm tatsächlich mit Putzmittel zu Leibe zu rücken, sei nur eines der vielen weiteren Beispiele schrecklicher Arbeitsbedingungen für ein altehrwürdiges Spukgespenst meines Standes. Sie rieten mir, meine quietschenden Ketten mit Schmieröl einzufetten, da sie sie beim Schlafen stören würden. Und erst diese schrecklichen Zwillinge der Familie sind wahre Abscheulichkeiten, die jeden Poltergeist um den Tagesschlaf bringen. Sie bewarfen mich mit Kissen und demütigten mich auf schrecklichste Weise mit einer Attrappe meiner Selbst. Auch die vermeintlichen Schlossherren und Eltern der scheußlichen Brut, wissen meine Mühen einfach nicht zu würdigen. Einzigst der jüngste Spross der Familie war ein erträglicher Lichtblick in meinem ansonst so trüben Alltag. In ihrer Freundlichkeit trug Sorge dafür, dass meine Gebeine ordnungsgemäß bestattet wurden. Zum Dank hinterließ ich ihr eine kleine Truhe, mit Schmuck gefüllt.

Anlässlich all des Leides, welchem ich mich ausgesetzt sah, bestehe ich nun darauf, von meinen Diensten dort entbunden zu werden. Besetzen Sie die Stelle neu, am besten mit einem jüngeren Geist, der aufgrund seiner Jugend mit viel List und Tücke neue Wege beschreitet. Ein altes Gemäuer wie Canterville, ohne einen anständigen Poltergeist ist eine Schande für die Gesellschaft der Gespenster und somit untragbar!

Mit hochachtungsvollen Grüßen Das Gespenst von Canterville


(Melanie Albrecht, 2017)

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