Agota Kristof: Das große Heft

Agota Kristof -1935 geboren- wuchs im ungarischen Dorf Csikvánd auf. Nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes mithilfe der Roten Armee floh sie 1956 mit ihrem Mann und der 4 Monate alten Tochter in die Schweiz. Dort arbeitete sie zunächst in einer Uhrenfabrik und erlernte die französische Sprache, in der sie auch ihre Werke verfasst.

„Le Grand Cahier“ - „Das große Heft“ ist Agota Kristofs erster Roman, dem „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ folgen.

Hauptfiguren dieser Trilogie sind Zwillingsbrüder, die eine symbiotische Beziehung zueinander haben. Sie sind zu Beginn des Romans kaum älter als 9 Jahre. Im Land herrscht Krieg. Um das Zwillingspaar zu schützen und deren Ernährung zu sichern, bringt ihre Mutter die beiden von der Großen Stadt in die Kleine Stadt zur Großmutter, die sie zuvor nie gesehen haben. Die Großmutter wird von den Leuten „die Hexe“ genannt. In und um das Haus der Großmutter, das an der Grenze zwischen der Kleinen Stadt und dem fremden Land liegt, spielt die Geschichte - dazwischen und am Rand (nicht nur in geographischer Hinsicht)-. Für die beiden Jungen ist das Haus der Ort, an dem es keine mütterliche Wärme mehr gibt. Um sich zu schützen, beginnen sie Gefühl und Verstand voneinander zu trennen. Die Großmutter kümmert sich kaum um die Brüder, die sie nur ‚Hundesöhne‘ nennt. So sind sie stark aufeinander angewiesen und müssen sich alles, was sie zum Überleben brauchen, selbst beibringen. Sie beobachten, arbeiten, betteln, schlachten, stehlen, stellen sich taub, blind, bewegungslos, töten. Die Brüder passen sich den herrschenden grausamen Gegebenheiten an.

Erzähler dieser sich über mehr als 9 Monate erstreckenden Geschichte sind die Zwillinge. In Form von Aufsätzen halten sie ihre Beobachtungen und Erlebnisse aus ihrem ‚neuen‘ Leben fest. Sie geben sich gegenseitig ein Thema vor und dann haben beide zwei Stunden Zeit und zwei Blatt Papier diese zu behandeln. Die Themen sind zum Beispiel: „Die Ankunft bei Großmutter“, „Der Pfarrer“, „Der Diebstahl“, „Die fremde Sprache“ und entstammen ihrem direkten Erleben. Mithilfe des Wörterbuchs ihres Vaters- das neben der Bibel der Großmutter das einzige Buch im neuen Haushalt ist, korrigieren sie gegenseitig ihre Schreibfehler. Wird der Aufsatz vom anderen für „gut“ befunden – das heißt, der Inhalt ist (auch seiner Meinung nach) wahr, wird der Text in das „Große Heft“ übertragen. Wird der Text für „nicht gut“ befunden –nicht wahr- landet er im Feuer und muss neu geschrieben werden. „Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen.“ (S.29,Piper-TB-Ausgabe,7.Aufl.,1998) Weitere Regeln, außer die Wahrheit zu schreiben, lauten: auf persönliche Vergleiche, Wertungen zu verzichten und auf sachliche Genauigkeit zu achten, denn: „ Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen.“ (S.29,Piper-TB-Ausgabe,7.Aufl.,1998)

Durch die einfache, dem Alter der Zwillinge entsprechende Sprache und den protokollartigen Charakter der Aufsätze ist der Roman schnell durchgelesen, doch hatte er auf mich eine lange Nachwirkzeit. Die Ereignisse von denen berichtet wird sind erschütternd, das Gefühl folgt später. Für mich steht die Zwillingsfigur als Sinnbild für die Trennung von Bewusstsein und Verdrängtem, Gefühl und Verstand -im einzelnen Menschen -oder auch als Sinnbild für eine Generation, die als Kind den Krieg miterlebte. ‚Wir‘ steht für mehr als einen Einzelnen. Agota Kristof selbst hat Krieg und Flucht miterlebt und wenn ich ihre persönliche Geschichte einbeziehe, erhält das Namenlose, Ungenannte in meiner Vorstellung Umrisse.

Im Roman dagegen: Das Wesentliche wird gesagt, Namen werden kaum genannt, Ort, Land und Zeit bleibt offen. Alles ist übertragbar gehalten -Orte, Zeiten, Menschen - . Die Aussage ist übergeordneter.

Beeindruckt hat mich vor allem, wie viel Agota Kristof durch das Mittel der Reduktion transportiert, die beiden Folgeromane stehen schon auf meiner persönlichen Leseliste.

(Anke Burghardt,2009)

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code das_grosse_heft (erstellt für aktuelle Seite)