Halldór Kiljan Laxness: Das gute Fräulein

Vorgestellt von Katharina Unckel

Island hat einen Literaturnobelpreisträger - Halldór Kiljan Laxness erhielt den Preis im Jahr 1955. Dies machte die Texte des Autors auch jenseits der isländischen und skandinavischen Grenzen zunehmend bekannt. Die Erzählung Das gute Fräulein (1933) ist ein guter Einstieg in Laxness’ Werk, da sie wichtige Merkmale laxnessschen Erzählens in ihrer Vielfalt enthält und zugleich mit angenehmer Reduzierung den Laxness-Kennenlernenden nicht überfordert, sondern vielmehr Lust auf weitere Text des Autors macht.

Das gute Fräulein handelt von zwei erwachsenen Schwestern, deren Familie Anhänger traditioneller Werte ist und beide Töchter, bevor diese ordnungs- und standesgemäß auf Island verheiratet werden sollen, in die große weite Welt des entfernten Dänemarks schicken, damit sie sich dort weiterbilden können. Die Pläne der Eltern lassen sich nicht realisieren wie erhofft, die Töchter emanzipieren sich jede auf ihre eigene Weise, kehren aber beide in das ländliche isländische Umfeld ihrer Familie zurück. Thurid, die ältere der beiden Schwestern, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zunehmend zur Gegenspielerin ihrer jüngeren Schwester, der Protagonistin Rannveig. Im Mittelpunkt des damit eröffneten Konfliktes stehen gesellschaftlich-moralische Prinzipien-Treue, Werte wie Anstand und Würde und das Ansehen der Familie. Der auktoriale Erzähler beschreibt und kommentiert, jedoch ist die Erzählstrategie geschickt, da er den Leser nicht alles wissen lässt. Dieser fiebert vielmehr mit und hofft auf eine positive Entwicklung für die Protagonistin Rannveig.

Laxness schreibt sich mit seinen Texten deutlich in die isländische Erzähltradition des Mittelalters und damit der Isländersagas ein: Konzentriertes, karges Erzählen, realistische erzählte Welt und Thematisierung von Konflikten zum Beispiel um Ehre, Würde, Familienfehde und Intrige. Die Erzählstrategie in Laxness’ Erzählung ist aber nur auf den ersten Blick eindeutig und klar strukturiert, denn es finden sich bewusst eingesetzte Brüche durch Perspektivwechsel und die oben genannten ironisch-satirische Erzählerkommentare.

Wie einige seiner Werke steht auch die vorliegende Erzählung von Halldór Kiljan Laxness im Kontext isländischer Geschichte. Gesellschaftliche – soziale und kulturelle – Prozesse, das isländisch-dänische Verhältnis nach Jahren der Kolonisation durch Dänemark und das Ende der Abhängigkeit Islands 1944, Land-Stadt-Verhältnisse innerhalb Islands, kontinentales Leben versus Insel-Leben im Atlantik werden referentiell eingeflochten und bilden den Rahmen der Erzählung. Die Dichotomien sind aber nicht so eindeutig wie zunächst der Aufbau des Textes vermuten lässt, sondern entwickeln sich mit Fortschreiten der Geschichte immer mehr hin zu einer bewusst verschränkten Konstruktion, mit Fallstricken, Mehrdeutigkeit und Doppelbödigkeit. Der Leser wird durch die Mehrschichtigkeit der Geschichte immer wieder in die Irre geführt.

Dieses bewusste erzählstrategische Verfahren macht das Können Laxness’ einmal mehr deutlich und hebt ihn ab von einer einfachen eindimensionalen Erzählung, die in realistischer Manier das bäuerliche Leben Islands Anfang des 20. Jahrhunderts schildern könnte. Auch finden sich keine Spuren nationalromantischer Inszenierung des ländlichen, ursprünglichen Lebens und der Suche nach der wahrhaften Entdeckung des Kerns isländischer Werte, Kultur und Lebenswelten, wie es doch besonders in Abgrenzung zum dänischen „Kolonisator“ verständlich wäre. Im kleinen Format werden hier vielmehr große allgemeinmenschliche, gesellschaftlich moralische Fragen und Beziehungen thematisiert wie Würde, Lügen und Vergebung. Das gute Fräulein wurde 1999 unter der Regie von Laxness’ Tochter Guðný Halldórsdóttir verfilmt und erhielt den isländischen Filmpreis.

Bis heute hat Halldór Kiljan Laxness auf Island, in Skandinavien und wohl auch im internationalen Literaturkontext seinen Klassikerstatus zu Recht nicht verloren. So verwundert es nicht, dass auch die isländische Gegenwartsliteratur sich häufig in einen intertextuellen Dialog mit Laxness’ Werk begibt. Die „klassische“ Aktualität der Laxness-Romane wurde einmal mehr 2008 deutlich, als Island in die sogenannte Bankenkrise geriet und Laxness’ Sein eigener Herr (1934/1935), einem kapitalismuskritischen Roman über einen Bauern, der seine Unabhängigkeit zu keinem Preis verlieren will, zu neuem Ruhm mehr als siebzig Jahre nach dessen ersten Erscheinen verhalf.

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