Yasushi Inoue: Das Jagdgewehr

Vorgestellt von Svenja Schwäke

Vorgestellt von Pia Köhler

Der Leser taucht ein in eine Welt der Kälte, Einsamkeit und Traurigkeit. Viele gut inszenierte Bilder versetzten den Leser in die komplexe Gefühlswelt.

Ein Schriftsteller schreibt ein Gedicht „Das Jagdgewehr“ und veröffentlicht dieses in einer Zeitschrift. Kurz darauf bekommt er Post von einem Mann Jesuke Misugi, der glaubt sich in diesem Gedicht wiederzuerkennen. Dieser schickt dem Autor drei Abschiedsbriefe, die er seinerzeit von drei Frauen bekam. Der erste Brief ist von seiner Nichte Shoko. Der zweite Brief stammt von seiner Frau Midori. Der letzte Brief ist von Shokos Mutter Saiko.

Die Briefe legen Leidenschaft, Schuld, Rachsucht und Verzweiflung dar, die Jesuke Misugi bei den drei Frauen heraufbeschworen hat.

Diese Briefe sind wie kleine Puzzleteile. Erst wenn man sie zusammenfügt ergeben sie ein klares Bild. Jenes zeigt im Ganzen, dass Saiko ein heimliches Verhältnis mit dem Mann ihrer Cousine Midori hat. Midori jedoch weiß von Anfang an von der Liebschhaft.

Als Saiko erfährt, dass Midori über alles Bescheid weiß, beschließt sie sich umzubringen. Doch ist der Tod, der richtige Weg um Reue zu zeigen? Oder ist es vielleicht schlichtweg der einfachste Weg sich dem schlechten Gewissen zu entziehen?

Das Jagdgewehr ist ein anspruchsvoller Roman.

Es ist allerdings schwierig die verschiedenen Personen auseinanderzuhalten. Infolgedessen wird der Rezipient jedoch animiert sehr aufmerksam zu lesen. Dieses führt dazu auf viele kleine, aber dennoch wichtige Details zu achten, die ansonsten verloren gingen.

Besonders ansprechend ist, dass Yasushi Inoue eine so noch nicht da gewesene Form einer, wenn auch tragischen, Liebesgeschichte gewählt hat. Die Briefe der drei Frauen sind äußerst gelungen.

Pia Köhler, 2009


Vorgestellt von Anna Walz-Holstein

Möchtest du lieben? Oder geliebt werden?

Auch wenn der Titel es nicht vermuten lässt, handelt Yasushi Inoues Erzählung „Das Jagdgewehr“ von der Liebe und ihren verschiedensten Formen mit denen sie im Leben auftritt.

Die erzählende Stimme dieser Novelle ist ein Dichter. Eines Tages, bei einem Ausflug ins Grüne, fällt dem Dichter in der Ferne ein Jäger auf, der ihn mit seiner ganzen Aura einnimmt und nicht mehr loslässt. Dieser Jäger inspiriert den Dichter zu einem Gedicht.

Warum bewegt mein Herz so der Rücken dieses großen, vorüberschreitenden Jägers?

„Das Jagdgewehr“ wird in einer Jagdzeitschrift veröffentlicht und zufällig von genau dem beschriebenen Jäger, Josuke Misugi, gelesen. Misugi erkennt sich wieder, denn er ist in diesem Gedicht sehr präzise beschrieben. Da der Dichter seine Stimmung sehr gut im Gedicht erfasst hat, beschließt Misugi den Dichter an seiner Lebenssituation an jenem Tag teilhaben zu lassen. Kurz vor diesem Jagdsausflug erhielt der Jäger drei Briefe von drei verschiedenen Frauen, welche seine Stimmung maßgeblich beeinflussten. Diese drei Briefe schickt der Jäger nun dem Dichter zu, ohne groß erklärende Worte beizufügen. Der Dichter soll sich ein eigenes Bild machen. So entsteht das Buch. Der Dichter schildert dem Leser die Ausgangssituation und stellt ihm diese drei Briefe als Abschrift zur Verfügung. Ein Kommentar des Geschehens erhalten wir von der erzählenden Stimme zur keiner Zeit. In diesen drei Briefen bekommen wir eine Wirklichkeit aus drei verschiedenen Sicht- und Erlebnisweisen dargestellt. Durch jede Person kommen neue und ganz andere Details ins Spiel. Man hat dadurch eine durchdachte dreidimensionale Welt, anders als in Büchern, in denen man oft nur eine Sichtweise geschildert bekommt und diese dann für die Wahrheit hält. Mit diesem Trick kann Inoue dem Leser ein Gefühl, die Liebe, in ihren vielen Facetten vorführen.

Ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass es zwischen Mama und mir so ein Geheimnis gibt!

Den ersten Brief erhält der Jäger Misugi von seiner angeheirateten Nichte Shoko. Diese dankt ihrem Onkel für seine Hilfe bei der Beerdigung ihrer Mutter. Sie beschreibt ihm ihre Empfindungen in den Tagen danach und gesteht ihm schweren Herzens, dass sie das Tagebuch ihrer Mutter gelesen hat. Auf den Seiten des Tagebuchs hat sie das Geheimnis zwischen ihm, dem Onkel, und ihrer Mutter erfahren. Ihre Affäre.

Wie hätte ich mir eine Liebe vorstellen können, die von der Sonnen nicht beschienen wird?

In Shokos Brief wird die heimliche Liebe dargestellt. Es ist eine verbotene Liebe, die nicht ausgelebt werden kann und für niemanden sichtbar sein darf. Ein Geheimnis eben.

Aus dieser Affäre zwischen Dir und Mama habe ich gelernt, dass es eine Liebe geben kann, die niemand segnet und die von niemandem gesegnet werden kann.

Shoko gibt in ihrem Brief den Inhalt des Tagebuchs ihrer Mutter wieder. Dadurch bekommen wir einen Einblick in die Empfindungen eines Menschen, der die heimliche Liebe lebt. Die Mutter spricht auf den Tagebuchseiten immer wieder von dem Verbrechen, welches die beiden Liebenden mit ihrer Affäre begehen.

Diese Worte Verbrechen, Verbrechen, Verbrechen standen, wohin ich auch schaute…

Der zweite Brief ist von Misugis Frau, Midori, verfasst. Seine Ehefrau fordert von dem Jäger die Scheidung. Wenn wir als Leser jedoch eine Eifersuchtsszene der üblichen Art, Anschuldigungen und Vorwürfe, erwarten, werden wir eines Besseren belehrt.

Da Sie mich betrogen haben werde auch ich Sie betrügen!

Midori beschreibt dem Jäger ihre unzähligen Affären in den Jahren ihrer Ehe, die Besonderheiten der Liebhaber und was sie dann wieder von diesen Abgestoßen hat. Zwischendurch erklärt sie ihm ihre Forderungen an die bevorstehende Gütertrennung, was sie in Zukunft vorhat, wo und wie sie leben möchte.

Jeder von uns hat sich länger als zehn Jahre in seiner Festung eingeschlossen…

Dann deckt Midori dem Jäger ihr Geheimnis auf. Von Anfang an wusste sie über die Affäre zwischen ihrem Ehemann und ihrer Cousine Bescheid. Sie folgte den Beiden einige Male bei ihren Ausflügen, um Gewissheit zu erlangen und sah sie immer wieder zusammen. Sie erklärt Misugi, dass diese Entdeckung sie so stark in ihren jungen Jahren verletzt hatte, dass sie beschloss genauso kalt zu werden und ihn noch maßloser zu betrügen, als er es tat.

Durch Midoris Brief bekommen wir einen Einblick in die verzweifelte Liebe. Alles, was sie in ihrem Leben tut,ist gesteuert von ihrer Verzweiflung über den Betrug, den ihr Mann begeht.

Wenn du dies liest, bin ich nicht mehr auf Erden!

Der letzte Brief ist von Saiko, der Geliebten von Misugi, der Cousine von Midori und der Mutter von Shoko. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen, alle Beobachtungen werden neu erzählt und anders erklärt. Auch sie beschreibt den letzten Abend von ihrem Tod, erinnert sich an die Affäre und die daraus resultierende Liebe zwischen dem Jäger und ihr.

… das Glück einer Frau, die sich geliebt fühlt…

Das Geheimnis, welches Saiko aufdeckt, bringt einen Wendepunkt, eine andere Wahrheit. Man hat sich bis dato eine perfekte Affäre mit starken Gefühlen ausgemalt. Doch Saiko gesteht Misugi, dass sie vor ihrer unerwiderten, zukunftslosen Liebe zu ihrem Ex-Mann, dem Vater von Shoko, geflohen ist, in die Liebe, die er, der Jäger, ihr bieten konnte. Sie beschreibt, wie sie mit den Jahren ihren Ex- Mann immer weiter aus ihrem Bewusstsein verdrängt hat, bis sie seinen Namen nicht mehr schreiben konnte. Und da sie lieber von jemandem geliebt werden wollte, als dass sie unerwidert liebt, ist sie in seine, Misugis Arme, geflohen und hat mit ihm die Affäre angefangen.

Als eine Frau bestraft, welche die Qual des Liebens nicht hat ertragen wollen.

Dieses Leben hätte so weitergehen können, wenn sie an diesem Abend nicht von ihrem Onkel besucht worden wäre. In einem Nebensatz erwähnte dieser die Neuvermählung ihres Ex-Mannes. Erst durch den Schmerz, den diese Nachricht verursacht hat, wurde Saiko klar, dass sie mit der Affäre zu Misugi nur vor ihren Gefühlen zu ihrem Ex-Mann geflohen ist. Sie hat sich dafür entschieden, geliebt zu werden, anstatt zu lieben und damit in einer unerwiderten Liebe zu Leben.

Immerzu von deiner großen Liebe umfangen

Auch ohne die persönliche Schilderung von Misugi bekommt man als Leser durch die Briefe ein Bild von einer weiteren Art der Liebe. Diese Liebe ist rein und innig, es ist die Liebe, die Misugi für Saiko empfindet.

Einflüsse der Globalisierung

In Japan galt über viele Jahrhunderte die Dichtung als Literatur im eigentlichen Sinne. Dies spürt man in der Novelle von Inoue deutlich. Seine Sprache ist sehr poetisch. Man liest einen runden und ausgefeilten Text, was auch der sehr guten Übersetzung zu verdanken ist. Neben dem japanischen merkt man den europäischen Einfluss auf diesen modernen Text. Er ist als Novelle angelegt, mit sehr typischen Merkmalen, zum Beispiel dem wiederkehrenden Dingsymbol, einem Haori mit großen violetten Distelblüten. Dieser wird in jedem Brief an zentraler Stelle erwähnt und bringt der Geschichte eine neue Erkenntniss. Aber auch weitere, wie die kurze Forme, eine Dichte der Ereignisse, eine „unerhörte“ Geschichte sind Merkmale für diese Textform.

Repräsentativ für japanische Literatur?

Dieses Buch ist soweit repräsentativ für die japanische Literatur der Moderne (20. Jahrhundert), als das es genau den von den Lesern gewollten lyrischen Charakter besitzt und das Gefühl der Einsamkeit genauso wiedergibt, wie es die sentimentale Leserschaft von Japan lesen möchte. So beschreibt zumindest Haruki Murakami in einer Abhandlung über die japanische Literatur den japanischen Leser des 20. Jahrhunderts. Wenn man ein Werk aus den heutigen Jahren dagegen hält, merkt man sofort den Unterschied.


Vorgestellt von Cassandra Senfft

Gedicht im Stile des Gedichts „Das Jagdgewehr“ aus dem Buch „Das Jagdgewehr“

Ein Mann erhält je einen Brief von drei Frauen,

diese Frauen gehören in sein Leben,

seine Ehefrau, dessen Schwester gleich seine

Affäre

Und noch die Tochter seiner Geliebten

Sie sind alle aus seinem Leben getreten.

Allein schickt er die Briefe an einen Mann

einem Dichter,

dieser schrieb das Gedicht „Das Jagdgewehr“

welches den Mann beschreibt, der verlassen wurde.

Jede Frau schreibt ihre Meinung zu

diesem Mann

der sie alle anlog und betrog

warum dieses Spiel?

Die Tochter ist sehr verwirrt

Warum hat er ihre geliebte Tante verletzt

Sie so betrogen?

Die Ehefrau,

sie wusste alles und hat mitgespielt

sie hat selbst einiges getan

auf das sie kein bisschen stolz ist

nur der Wunsch nach Liebe hat sie dazu

getrieben,

gemächlich, ruhig und kalt.

Seine Geliebte kann es nicht mehr ertragen,

die Lüge aufrecht zu erhalten:

sie bringt sich um, nachdem sie erfährt, dass die

Schwester alles weiß,

Ehefrau und Geliebte verlassen ihn.

Auch seine Nichte lässt ihn ganz allein

Mit der schweren Last

Tief verletzt ist das Herz des einsamen Mannes

Von mittleren Jahren,

er hat die Frauen seines Lebens ver-

loren,

die, ganz egal wie sehr er es sich wünscht,

nie wieder kehrn.

(Cassandra Senfft, 2013)

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