H. G. Wells: Das Land der Blinden

In einem ecuadorianischen Bergtal, abgeschnitten vom Rest der Menschheit, befindet sich das Land der Blinden. Vor mehreren Jahrhunderten ging hier eine seltsame Krankheit um, die dafür sorgte, dass alle Neugeborenen blind zur Welt kamen und auch ältere Kinder im Laufe ihrer Entwicklung ihr Augenlicht verloren. Ihre Augenlider waren geschlossen und eingesunken, „als ob […] die Augäpfel darunter weggeschrumpft wären.“ Mehrere Jahrzehnte vergingen und keiner aus dem Volk verfügte mehr über sein Sehvermögen. Trotzdem war es ihnen weiterhin möglich zu überleben. Sie hatten genügend Zeit ihre Umgebung ihren Bedürfnissen anzupassen und beseitigten alle möglichen Hindernisse und Unregelmäßigkeiten, die das Leben von Blinden hätten beeinträchtigen können. Nach etwa vierzehn Generationen konnte sich niemand mehr an die Fähigkeit des Sehens erinnern und Bezeichnungen für Dinge, die man mit dem Auge wahrnimmt, verblassten oder hatten sich mittlerweile völlig verändert.

Zu dieser Zeit landet Numez im Land der Blinden. Während er drei Engländer als Bergführer begleitet, stürzt er ab und gelangt unversehrt in das besagte Tal. Schnell wird ihm klar, wo es ihn hin verschlagen hat, denn schon oft hat er die Geschichte dieses Volkes gehört und folgendes altes Sprichwort kommt ihm in den Sinn: Im Land der Blinden ist der Einäugige König. Er fühlt sich den Blinden überlegen und glaubt, dass er ihr Anführer wird, sobald sie einsehen, über welche Stärke er verfügt. Doch Numez’ Versuch, den Menschen das Seevermögen zu erklären, scheitert kläglich. Zu lange schon leben sie ohne diesen Sinn und können nichts mit seinen Beschreibungen anfangen. Sie halten ihn für einen Schwachsinnigen, der für nichts zu gebrauchen ist. „Sein Verstand ist kaum ausgebildet.“

Für Numez ist es sehr schwer mit dem ihm entgegengebrachten Missverständnis und Hohn umzugehen. Irgendwann sieht er nur noch einen Weg den Blinden zu verdeutlichen, dass er ihnen gegenüber im Vorteil ist: er wendet Gewalt an. Da sich die anderen Sinne der Blinden stark verfeinert haben und „Gehör und Geruchssinn außerordentlich gut ausgebildet“ sind, ist es für sie kein Problem den „wilden Mann aus den Felsen“ zu verfolgen. Schließlich flieht Numez aus dem Dorf und versteckt sich. Nach zwei Tagen steht er kurz vorm Hungertod und bittet die Blinden um Verzeihung. Er bekommt tatsächlich eine zweite Chance und darf bei seinem Meister Yacob als Knecht arbeiten. Schließlich akzeptiert Numez sein neues Leben im Tal und verliebt sich sogar in Yacobs Tochter Medina-saroté. Doch einer Heirat zwischen den beiden wird nicht zugestimmt, da Numez immer noch die Position eines schwachsinnigen Außenseiters einnimmt, der unter Wahnvorstellungen leidet und die Rasse des Volkes verderben könnte.

Einer der Ältesten, der Medizinmann der Blinden, hat einen Einfall. Er untersucht Numez und sieht eine Möglichkeit ihn „aus seiner Knechtschaft und Minderwertigkeit auf den Stand eines blinden Bürgers“ zu erheben. Aufgrund seiner stark vergrößerten Augen und seiner sich ständig bewegenden Augenlider sei Numez’ Gehirn ständig gereizt. Mit einer einfachen Operation, der Entfernung seiner Augen, könne man ihn heilen. Für seine große Liebe willigt er in den Eingriff ein, doch wenige Stunden vor dem gewaltigen Schritt, erkennt Numez, dass er auf diesen Sinn nicht verzichten kann und flüchtet in die Berge.

Auf H. G. Wells Erzählung bin ich durch einen Zufall aufmerksam geworden. In einer Fernsehsendung wurden Menschen gezeigt, die auf der Straße zu einem Thema befragt wurden. Ein junger Mann meinte, er könne dazu nichts sagen, da er nicht so viel fernsehe. Der Reporter fragte ihn daraufhin, was er denn stattdessen machen würde und der Mann antwortete, dass er zum Beispiel lieber ein gutes Buch zur Hand nehmen würde (man glaubt es kaum…). Er sollte sagen, was er denn momentan lesen würde und nannte „Das Land der Blinden“. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum das Werk meine Aufmerksamkeit erregte. Fakt ist, dass ich mich sofort an den Laptop setzte und nach dem Titel recherchierte. Ich konnte die Sammlung von Erzählungen nur noch gebraucht im Internet erwerben, aber das fand ich nicht weiter schlimm. Und sobald ich das Buch in der Hand hielt, verschlang ich die neun unterschiedlichen Erzählungen auf Anhieb, aber am besten gefiel mir die hier vorgestellte.

Immer wieder bin ich von Schriftstellern wie H. G. Wells, Edgar Allan Poe, Patricia Highsmith oder auch G. K. Chesterton fasziniert, die ihren Lesern das Gruseln lehren, ohne sie dabei zu sehr zu ekeln oder abzustoßen. Allein die düstere Stimmung, die sie erzeugen, ruft beim Leser eine Gänsehaut hervor. Und so habe ich es auch bei „Das Land der Blinden“ wieder erlebt. „Der Leser ist eingeladen, ein Gefühl drohenden Unheils zu empfinden, nahender Gefahr und qualvoller Hoffnung, das Untragbare möge nicht geschehen“ (Kingsley Amis). Diese Art des Gruselns macht mir Spaß, verbietet es mir eine solche Geschichte vorzeitig zu unterbrechen und lässt Raum für Fantasie. Dieser Raum fehlt mir häufig, wenn ich moderne Grusel- oder Horrorgeschichten lese. Zu sehr bewegt man sich hier auf der „Ebene des Trivialen oder des experimentellen Kitches“ (Kingsley Amis). Und daher bin ich immer wieder dankbar, wenn ich auf Erzählungen von Schriftstellern aufmerksam gemacht werde, die noch die alte Schule dieses Genres beherrschen.

Annkathrin Stüben, 2013

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