Calderón de la Barca: Das Leben ist ein Traum



Calderón de la Barca lebte von 1600 bis 1681 und gehört neben Lope de Vega zu den bedeutensten Dichtern des spanischen Hoftheaters der Barockzeit.

Das Stück “Das Leben ist ein Traum” aus dem Jahr zählt zu einer Form des Barocktheaters, die in der deutschen Dichtung dieser Zeit nur wenig vertreten ist und sich mit den Begriffen theatrum mundi und Spiel-im-Spiel umschreiben läßt.
Beim Spiel-im-Spiel-Drama handelt es sich um ein Theaterstück, das innerhalb einer Rahmenhandlung noch ein weiteres Theaterstück, ein Binnenspiel, enthält. Dieses Binnenspiel kann frei erfunden sein oder auf einem real existierenden Stück beruhen. Die so entstehenden metatextuellen oder intertextuellen Bezüge bilden eine von mehreren möglichen Lesarten oder Interpretationsebenen des Dramas. Doch was wären Barockdichtungen ohne religiöse Referenzebene? Hinter dem Terminus theatrum mundi steht die Vorstellung, die Welt sei eine Bühne, auf der jeder Mensch die Rolle spielen muss, die ihm zugewiesen wurde. Ebenso wie eine Theaterbühne in die Realität eingebettet ist, umgibt eine übergeordnete, göttliche Ebene diese Weltbühne . Diese Vorstellung kann nun wunderbar mit der in der Barockzeit so beliebten Antithetik der Diesseits-/Jenseitsvorstellung gleichgesetzt werden. Die uns umgebende Welt entspricht der Binnenebene des Spiels-im-Spiel und steht natürlich für das Diesseits, die Rahmenebene für das Jenseits. Der Zuschauer bekommt mittels des angesehenen Stücks einen Spiegel vorgehalten und wird sich seiner Rolle auf der Weltbühne bewusst, so zumindest die Intention der Dichter. Möglicherweise werden Überlegungen über die vermeintliche Autonomität des Menschen und das richtige Verhalten im Hinblick auf gute Plätze im Jenseits angeregt, wobei natürlich auf die üblichen literarischen Hilfmittel der Barockzeit zurückgegriffen werden darf, wie beispielsweise vanitas-Motive, phobos-und eleos-Stimmulationen, Verwechslungs- und Maskierungsspielchen oder die seit dem Mittelalter allseits beliebte allegorische Darstellung der Tugenden und Todsünden.

Die Handlung selbst ist nicht weiter komplex. Der polnische Königssohn Sigismund wird auf Befehl seines Vaters von Geburt an in einem Turm gefangen gehalten, denn ein Horoskop hatte ihm eine tyrannische Herrschaft prophezeit. Als die Frage der Thronfolge näher rückt, plagen den Vater Gewissensbisse seinem Sohn gegenüber und Schuldgefühle, weil er sich in den göttlichen Plan eingemischt hat, indem er versucht hat, den Verlauf des Schicksals zu beeinflussen. Er möchte den Charakter des Prinzen auf die Probe stellen und setzt ihn für einen Tag probehalber auf den Thron, nachdem er mit einem Schlaftrunk betäubt wurde. Auf diese Weise hält sich der Vater die Möglichkeit offen, Sigismund die Wahrheit über seine Gefangenschaft zu berichten oder nicht. Dieser inszenierte Traum erfüllt in diesem Fall die Funktion des Binnenspiels. Der gesamte Versuch schlägt jedoch fehl, denn der Prinz entlarvt sich als grausam und rachsüchtig, wobei natürlich nicht geklärt werden kann, ob er diese Charakterzüge von Natur aus innehat oder erst durch die Inhaftierung und Isolierung verdorben wurde. Sigismund wird wieder in den Turm geschafft und die Gefängniswärter reden ihm ein, seine Herrschaft wäre nur ein Traum gewesen. Zurück ihm Turm reflektiert Sigismund sein Verhalten und seine Rolle im Leben, wobei ihn besonders die Beschaffenheit von Traum und Leben beschäftigt und er Bezüge zur Schöpfungsgeschichte herstellt. Ein Zitat veranschaulicht seine Überlegungen:

“[…] in diesem Erdenleben
Träumen alle nur ihr Sein,
Sehen wir es gleich nicht ein.
Ich in Kerkerhaft gebückt,
Träume, dass die Fessel drückt,
Dass ein glücklicheres Los
Früher einmal mich beglückt.
Was ist Leben? Irrwahn bloß!
Was ist Leben? Eitler Schaum,
Truggebild, ein Schatten kaum,
Und das größte Glück ist klein;
Denn ein Traum ist alles Sein,
Und die Träume selbst sind Traum\\.”

Doch Sigismund hat Glück, er bekommt eine zweite Gelegenheit, sich zu bewähren. Während einer Revolte wird er von Soldaten befreit, die den wahren Herrscher an die Macht bringen wollen. Beim zweiten Herrschaftsanlauf erweist sich Sigismund entgegen der Vermutungen aller als gütig und darf am Ende des Stücks den Thron besteigen. Der Zuschauer oder Leser des Stücks wird so am Beispiel Sigismunds an die Diesseits-Jenseits -Vorstellung erinnert und gleichzeitig ermahnt, sein irdisches Leben entsprechend auszurichten, um beim jüngsten Gericht einen Platz auf der angestrebten Seite zu erlangen.

Barockliteratur ist durch ihr hohes Maß an Konstruiertheit sicher weder einfach zu lesen noch leicht zugänglich. Dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Verständnisebenen sein können, die sich der heutige Leser entschlüsseln und erarbeiten muss. So fordert das Stück zunächst eine gehörige Portion Motivation und Initiative, bevor es sich erschließen lässt. Genau darin kann aber auch der Reiz eines solchen Stücks liegen, denn wie bei einer Art gedanklichem Pop-Up-Buch blättern sich plötzlich mehrdimensionale Bezugs- und Bedeutungsmöglichkeiten auf.

Andere Texte, die ein Spiel-im-Spiel enthalten, sind z. B. Shakespeares “Sommernachtstraum” oder “Der gestiefelte Kater” von Ludwig Tieck, wobei letzteres allerdings ein Stück der deutschen Romantik, nicht der Barockzeit ist. Tieck treibt
die Spiel-im-Spiel-Idee durch mehrfache Verschachtelungen der einzelnen Ebenen, gezielte Brüche und eine gehörige Prise romantischer Ironie auf die Spitze und nutzt raffiniert die Gelegenheit, die damaligen tonangebenden Theaterkritiker zu karikieren.

Tanja Nagelpusch, 2010

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