Albert Camus: Das Missverständnis

»Will der Mensch erkannt werden, muss er schlicht sagen, wer er ist«, meint Camus. Was im schlimmsten Falle geschieht, wenn er schweigt, zeigt sein 1941 im von der deutschen Wehrmacht besetzten Frankreich entstandenes Drama. Albert Camus schrieb das Stück, isoliert von seiner Familie und seiner Heimat, als er sich aus gesundheitlichen Gründen in der französischen Provinz aufhielt. Das Ergebnis ist ein absurdes Schauspiel voller innerer Spannung und undurchdringlicher Atmosphäre.

Martha wünscht sich ein unbeschwertes Leben mit Sonne, Meer und Palmenstrand. Im Widerspruch dazu bewirtschaftet sie gemeinsam mit ihrer Mutter einen kleinen unrentablen Gasthof. Um den unerreichbaren Träumen ein Stück näher zu kommen, bringen sie die wenigen Gäste, die sich in diese unbehagliche Gegend verirrt haben, um deren Leben und Geldbeutel.

Eines Tages erscheint voller Hoffnung, Zuversicht und Wiedersehensfreude Jan, der nach 20 Jahren heimkehrende Sohn. Er verheimlicht seine wahre Identität, nur um zunächst auf ein kleines, unmissverständliches Zeichen von Liebe und Zuwendung der Mutter und Schwester zu warten. Sein Schauspiel wird zur tödlichen Falle. Die beiden sehen in ihm lediglich den lukrativen Gast und bringen ihn in ihrer Habsucht um. Die Papiere des Toten offenbaren schließlich die Untat am eigenen Fleisch und Blut. Ohne jedwedes Zeichen von Reue erfüllt Mutter und Schwester nur lähmendes Entsetzen. In der Erkenntnis, dass sie ihrem Schicksal nicht mehr entrinnen können, bringen sie sich schließlich selbst um.

Camus erlaubt in seiner Familienzusammenführung kein Happy End - das Missverständnis bereitet jedem Einzelnen ein bedauernswertes Ende, das einer antiken Tragödie zur Ehre gereichen würde. Das es zum Bühnenauftritt taugt, zeigen unzählige Theater-Inszenierungen.

♠Miriam Wenthe♠

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