Tanizaki Zyun’itirou: Der Schlüssel

Vorgestellt von Norman Klokow

„Gleich und gleich gesellt sich gern – doch dass gleich vier davon zusammenkommen? Am seltsamsten aber ist, dass diese vier verschlagenen Menschen sich gegenseitig hintergehen, um mit vereinten Kräften auf ein gemeinsames Ziel hinzusteuern […].“

Anmerkung: Im folgenden Text wie auch im Titel nutzt der Autor eine Abwandlung der Umschrift nach dem Nippon-System, womit die Transkription von Begrifflichkeiten und Namen von jener in der vorliegenden Übersetzung von Katja Cassing und Jürgen Stalph abweichen kann.

Mit dem ersten Januar eines nicht angegebenen Jahres ändert ein Universitätsprofessor Mitte 50 seine Tagebuchgewohnheiten. Bisher schrieb er es nur für sich, versteckte stets den Schlüssel zum Tagebuch, um den Inhalt geheim zu halten, und verfuhr so viele Jahre, aber, frustriert von seiner konservativen, wenn auch deutlich jüngeren Ehefrau Ikuko, die er liebt, die aber nie über „Schlafzimmerdinge“, wie er sich ausdrückt, spricht, beginnt er, sein Tagebuch so zu führen, als würde sie es doch lesen – und hofft auch, dass sie dies tue. Und so lässt er am vierten Januar dann absichtlich den Schlüssel herumliegen – und seine Frau findet ihn.
Er schreibt, dass ihre Libido außerordentlich stark sei und er sie gar nicht befriedigen könne, vor allem jedoch, da sie auf „orthodoxem“ Sex bestehe, den er aber nicht allzu ansprechend finde, insbesondere da sie dabei vollkommen passiv bleibe.

Etwa die Hälfte des Buches besteht aus Tagebucheinträgen des Professors, die andere aus jenen seiner Frau, die just in diesem Jahr ebenfalls beginnt, ein Tagebuch zu führen, und ihr erster Eintrag beschreibt das Finden des Schlüssels und ihre Entscheidung, das Tagebuch ihres Mannes nicht zu lesen. Sie sei erzogen, alle Leidenschaften zu verschließen und so auch jede Neugier; obendrein mache man das schlicht nicht.
Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, Tosiko, die auf jeden Fall ihr Vater gern mit dem Lehrer Kimura verheiratet sähe. Wirklich interessiert an ihm ist sie jedoch nicht und es scheint, dass dies auch andersherum gilt. Es ist vielmehr Ikuko, an der Kimura Interesse entwickelt, und dies fällt sowohl dem Professor als auch Ikuko selbst auf. Sie äußert sich anfangs nicht wirklich dazu – auch wenn sie sich unsicher ist, ob die Ehe nicht ein Fehler war; sie will ihren Mann aber auch nicht verlassen, da sie weiß, dass er sie liebe und man das nun einmal ebenfalls nicht mache – er allerdings schreibt von seiner aufkommenden Eifersucht, fragt sich aber, ob er diese Eifersucht auf Kimura nicht eigentlich will und braucht, da sie ihn anstachelt und dafür sorgt, dass der Sex mit seiner Frau allen beiden gefällt.

Wie so viele beginnt auch diese Tragödie mit Alkohol. An einem Abend zu viert trinkt Ikuko zu viel Cognac, wird in der Badewanne ohnmächtig und wird von ihrem Mann und Kimura abgetrocknet und ins Bett verfrachtet. Und nicht nur Kimura sieht sie so zum ersten Mal nackt, sondern auch ihr Mann, wie er schreibt, denn bisher sei das nur im Dunkeln vorgekommen und er habe nie ihren ganzen Körper nackt gesehen. Betört von ihrem Anblick bestaunt er sie in der Nacht und schläft dann mit ihr – und hört, wie sie „Kimura-san“ („san“ ist ein japanisches Namenssuffix, das mehr oder minder „Herr“ oder „Frau“ entspricht) keucht.
In ihrem eigenen Tagebuch, das sie vor ihrem Mann geheimhält, schreibt Ikuko, dass sie tatsächlich an Kimura dachte. Sie genoss den Sex und schreibt, sie würde Kimura auch gern einmal nackt sehen.
An den folgenden Abenden fließt wieder zu viel Cognac und die Situation wiederholt sich mehrfach. Stets ist Ikuko nur halb bei Sinnen, schläft jedoch nie und nimmt alles wahr, denkt jedes Mal an Kimura und flüstert weiter seinen Namen. Tosiko wird es zu viel, sie kündigt an, auszuziehen, bekommt sie doch immer einiges aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern mit, und auch Kimura scheint über alles Bescheid zu wissen. Er spricht plötzlich den Professor auf Sofortbildkameras an und bringt ihm kurz darauf eine vorbei, die dieser auch gleich in der Nacht nutzt, um seine Frau in frivolen Posen zu fotografieren. Die Bilder gefallen ihm allerdings nicht wirklich, die Qualität ist nicht ausreichend, aber er fragt Kimura, ob der nicht eine Dunkelkammer einrichten könne, um ein paar Fotos von ihm zu entwickeln, die er mit einer herkömmlichen Kamera mache. Kimura kümmert sich darum, kann jedoch eigentlich kaum wissen, welche Bilder ihn erwarten. Neben dem gestöhnten Namen werden es nun auch die Bilder sein, die Kimura entwickelt, die den Professor eifersüchtig machen. Und er selbst ist es, der sie Kimura zum Entwickeln gibt; er selbst feuert seine Eifersucht an.
Ikuko beginnt währenddessen, ihr eigenes Tagebuch so zu präparieren, dass sie sehen kann, wenn ihr Mann es liest, und als sie mit Tosiko und Kimura ins Kino geht, öffnet er es tatsächlich – liest aber nicht darin, da er Angst hat, von ihren Gefühlen Kimura gegenüber lesen zu können. So liest keiner das Tagebuch des anderen und beide schreiben weiterhin nur mit dem Wissen, dass ihnen so zur Verfügung steht.

Man weiß beim Lesen schon, dass die Situation weiter eskalieren wird, aber das tut der Erzählung keinen Abbruch. Jedes Mal wünscht der Leser sich, dass die Lage sich nicht weiter verschärfe, aber es kommt doch ein jedes Mal so. Offenen Auges rennen beide Ehepartner ins offene Messer. Weil es ihnen gefällt, weil sie etwas daraus ziehen, auch wenn es etwas für sie Negatives hat: „Ich finde es zwar pervers, aber im Schlaf ausgezogen und, wenn ihr Mann daran Gefallen hat, genüsslich betrachtet zu werden, muss eine treu ergebene Ehefrau schon aushalten. Wenn der Mann sie nur befriedigen kann, nachdem er sich mit solch krankhaften Spielen in Stimmung gebracht hat, erst recht“, schreibt Ikuko, als sie die in ihres Mannes Tagebuch geklebten Nacktbilder erblickt.

Der Professor hat seinen Lebensschwerpunkt mittlerweile vollkommen verändert. Er steckt nicht mehr nur die Nase in seine Bücher, sondern hat nur noch seine Frau im Sinn und neben ihrer Schönheit, dem Cognac sowie dem „Aufputschmittel Kimura“, wie er schreibt, nimmt er nun auch noch stimulierende Medikamente ein. Unter diesen Anstrengungen beginnt sein Körper zu leiden. Sein Blutdruck nimmt stark zu und er hat Schwierigkeiten mit dem Sehen und dem Erinnern von Orts- und Personennamen.
Auch Kimura wird selbst aktiv, scheint seine eigenen Spiele zu treiben, wie Tosiko sagt. Diese ist schockiert, als sie die Bilder ihrer Mutter bei ihm findet, und es scheint, dass Kimura sie absichtlich darauf stoßen ließ. Währenddessen sind der Professor und Kimura überzeugt, dass auch Ikuko etwas vorhabe.
Die Zusammenbrüche unter starkem Alkoholeinfluss verlagern sich nun oft in Tosikos Wohnung, aber das Ergebnis ist das Gleiche. Doch Ikuko und dem Professor scheint es weiterhin etwas Gutes, die Lust wird stärker, Ikuko wird selbst beim Sex aktiv und beide genießen es wie nie zuvor. Mit der Lust steigt die Eifersucht, mit der Eifersucht die Lust. Irgendwann kann sich der Professor nicht mehr sicher sein, dass seine Frau ihm nicht mit Kimura fremdgeht, besonders da sie sich ab und zu in eine andere Stadt absetzen. Aber er vertraut seiner Frau und ab wann geht man denn fremd? Zum Äußersten werde es schon nicht kommen, glaubt er. Tut es aber. Doch Ikukos Libido ist derart stark, dass sie davon nur noch mehr profitiert, schließlich steigert das auch alles wiederum die Lust ihres Mannes und sie hat etwas von beiden Männern.
Aber die Gesundheit des Professors wird immer schlechter, der Blutdruck steigt derart, dass er nicht mehr arbeiten darf und sexuelle Aktivitäten herunterfahren solle, aber um Letzteres schert er sich nicht. Es geht weiter, immer weiter, je mehr die Eifersucht steigt. Und das tut sie nur noch mehr, als Ikuko beginnt, sich weniger konservativ zu geben, nicht mehr nur im Bett, sondern nun auch auf der Straße, wo sie beginnt, westliche Kleidung und Perlenohrringe zu tragen.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Professor erleidet beim Sex einen Schlaganfall und fällt in ein siebenstündiges Koma – und nun erblickt Ikuko zum ersten Mal in ihrem Leben den ganzen Körper ihres Mannes nackt – und ist nicht begeistert. In ihrem Tagebuch ist er nun auch nicht mehr ihr Mann, nur noch der Kranke. Sie kümmert sich um ihn, wie sie es als ihre Pflicht ansieht, gemeinsam mit Tosiko und einer Krankenschwester, aber jeden Abend kommt auch Kimura vorbei. Und anscheinend sorgt Tosiko dafür, dass der Professor das Tagebuch seiner Frau zu lesen bekommt – auch jenen Teil, den sie nach dem Schlaganfall schrieb und den er auf keinen Fall lesen solle.

Erst in den letzten beiden Tagebucheinträgen, fast vierzig Tage nach dem vorherigen Eintrag geschrieben, wird der Professor wieder zu ihrem Mann. Nach seinem Tod. Er ist einem zweiten Schlaganfall erlegen. Ikuko liest nun sein Tagebuch – und gibt zu, das doch schon die ganze Zeit getan zu haben.
Ikukos letzte Einträge sind eine Rekapitulation des Geschehens seit Jahresbeginn; sie analysiert beide Tagebücher, ihres und das ihres Mannes, parallel. Einige Fragen, auf die man als Leser bisher keine Antwort bekam, werden nun beantwortet – Ikuko schreibt ehrlicher als zuvor – aber auf so manche Frage weiß sie keine Antwort. Was waren Tosikos Ziele? War sie doch in Kimura verliebt und empfand ihre Mutter als Konkurrenz? Es bleibt im Dunkeln und der Leser kann es sich selbst beantworten, wie er möchte.

Der Professor schreibt von vier verschlagenen Menschen. Sie alle verfolgen ihre eigenen Ziele und am Ende gewinnt wohl keiner auf Dauer. Der Professor lebt einige Monate ein wildes Leben und verstirbt dann; Ikuko ist in der Hassliebe, wie sie ihre Beziehung zu ihrem Mann nennt, gefangen, aber genießt Kimuras Gesellschaft in vollen Zügen, bis ihr Mann stirbt; Kimura genießt wiederum die Gesellschaft Ikukos, bis der Professor stirbt; und Tosiko scheint gar nichts zu genießen.
Aber am Ende ist es vielleicht doch gerade Tosiko, die von allem profitiert, wenn ihre Mutter Recht behalten sollte: Denn am Schluss steht die Entscheidung, dass Tosiko und Kimura heiraten sollten, dass Tosiko also, „um den Schein zu wahren, sich für ihre Mutter opfert“ – aber vielleicht tut sie das ja somit gar nicht, vielleicht erfüllt sich ja doch ihr Wunsch. Und vielleicht, so mutmaßt Ikuko, genoss sie doch auch schon die ganze Zeit die Gesellschaft einer Person. Kimuras Gesellschaft?

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