William Shakespeare: Der Sturm

Vorgestellt von Sven Arne Ohlwein

Auch wenn ich schon einige Werke von William Shakespeare gelesen hatte, natürlich „Romeo und Julia“, „Macbeth“, die Sonette, so machte ich doch immer einen großen Bogen um „Der Sturm“. Nie wollte mich die Thematik so richtig ansprechen, nie wollte ich mich auf dieses verwunschene Mittelmeer-Eiland einlassen. Wenn Shakespeare, dann doch bitte eine Tragödie und keine Romanze. Doch irgendwann musste ich einfach „Der Sturm“ lesen.

Der Grund, weswegen ich begann in Prosperos Reich einzutauchen, mag sich seltsam anhören: Es waren die letzten Olympischen Sommerspiele in London. Um genau zu sein, die traditionelle Eröffnungsfeier der Spiele, eine Zeremonie gespickt mit Reden, symbolischen Handlungen und einem Showteil, in welchem sich der Gastgeber der Weltöffentlichkeit vorstellt. Großbritannien bzw. Regisseur Danny Boyle wählte dazu, zu aller Überraschung, „Der Sturm“.

Szenen aus dem Shakespeare Stück wurden von Boyle in ein bombastisches, die Industrielle Revolution repräsentierendes Setting, verlegt. Der Zuschauer sah wie eine bukolische Landschaft auf brutale Weise in die Werkbank der Welt umgewandelt wurde. Qualmende Schornsteine erhoben sich, glühendes Eisen verschmolz zu immer größeren Maschinen. Schauspieler Kenneth Brannagh spielte den Großindustriellen Isambard Kingdom Brunel, der in einer Szene einen Hügel bestieg und dort die bekannte Rede des Caliban rezitierte:

 Be not afeard. The isle is full of noises,
 Sounds and sweet airs that give delight and hurt not.
 Sometimes a thousand twangling instruments 
 Will hum about mine ears; and sometimes voices.
 That if I then had waked after long sleep,
 Will make me sleep again; and then in dreaming,
 The clouds, methought, would open and show riches 
 Ready to drop upon me, that when I waked 
 I cried to dream again.
 (Akt 3.2, Zeilen 135-143)

Calibans Rede ist eines der bekanntesten Shakespeare-Zitate überhaupt und handelt von der Schönheit der Insel, ihren Gerüchen und ihren Stimmen. Auch wenn hier auf Großbritannien und nicht Prosperos Insel angespielt wird, musste ich nun wissen, was es mit diesem einsamen Eiland auf sich hat. Diese Rede innerhalb dieses Settings hatte mich total fasziniert.

„Der Sturm„ war eines der letzten Stücke, die William Shakespeare schrieb (1611 uraufgeführt). Es ist zwar eines der kürzesten Stücke von Shakespeare, aber eines der langlebigsten. Kaum eine andere Romanze wurde auf den Bühnen über alle Jahrhunderte so durchgehend gegeben, wie „Der Sturm“. Zum einen liegt das an der erzählten Geschichte, allerdings auch daran, dass sie sich hervorragend adaptieren lässt. So gibt es unzählige Adaptionen, die die Geschichte in anderen Zeiten oder Welten, ja sogar im Weltraum spielen lassen.

Die Geschichte, die im Theaterstück erzählt wird, spielt an einem einzigen Tag, wenn auch eine Vorgeschichte existiert, die zu Beginn erzählt wird. Prospero war ursprünglich Herzog von Mailand, verbrachte aber viel Zeit mit Magie. Daraufhin wurde er von seinem Bruder Antonio, der die Hilfe des Königs von Neapel hatte, gestürzt. Mit seiner Tochter Miranda gelingt Prospero die Flucht auf eine einsame Insel, die er sich untertan macht. Dort befiehlt er über Geist Ariel und den entstellten Ureinwohner Caliban, den er als Diener hält. Als der König von Neapel und Prosperos Bruder auf einer Schiffsreise in der Nähe der Insel vorbeikommen, lässt Prospero einen Sturm beschwören, woraufhin die Flotte kentert und die Passagiere verstreut an die Insel geschwemmt werden. Dort treffen sie auf die Inselbewohner. Doch Caliban verschwört sich mit Teilen der Besatzung.

Wie alle Shakespeare-Stücke, zeichnet sich auch „Der Sturm“ durch eine großartige Sprache aus. Auch in der deutschen Übersetzung verliert die Brillanz der Satzgestaltung Shakespeares nicht seine Wucht, auch wenn einige Reime und Wortspiele verloren gehen. Wer also kann, sollte nicht nur den „Sturm“, sondern alle Shakespeare-Stücke in der englischen Originalsprache lesen. Auch „Der Sturm“ ist ein sehr dichtes und intensives Stück. Es ist vollgespickt mit Anspielungen an das Leben im elisabethanischen Zeitalter und auch der antiken Mythologie. Vorkenntnisse über die wesentlichen Dinge der Epoche sind nicht nur von Vorteil, sondern bedingen das Erlebnis. Man muss dieses Theaterstück vor allem im Kontext des Zeitalters der Entdeckungen sehen, in welchem es auf die Bühne kam. Amerika war entdeckt und damit eine neue Welt mit einer unbekannten indigenen Bevölkerung, mit allerlei Absonderlichkeiten für die Zeitgenossen. Der Name der Figur Caliban ähnelt nicht umsonst dem Wort Kannibale.

Die Charaktere in „Der Sturm“ sind auch wie viele andere Shakespeare-Charaktere dermaßen eigen und speziell, dass sie ihren Weg in die Weltliteratur gefunden haben. Natürlich gibt es auch Nebencharaktere, die blass bleiben, doch die Protagonisten wie Prospero oder Caliban, bieten genug Stoff um seitenlange Abhandlungen über sie zu schreiben. Sie wurden über die Jahrhunderte fast schon zu Ikonen. Auch wenn ich den „Sturm“ am Ende ganz gerne gelesen habe und ich erneut von Shakespeares schöpferischer Kraft begeistert war, gehört diese Romanze dennoch nicht zu meinen liebsten Werken des Autors. Etwa „Macbeth“ finde ich noch intensiver und vor allem packender. Dennoch zähle ich auch „Der Sturm“ zu den essentiellen Büchern, die man gelesen haben sollte. In einem Kanon der Weltliteratur würde dieses Stück auf jeden Fall dazu gehören. Da die verschiedenen Ausgaben dieses Werks nicht besonders dick sind, kann man den „Sturm“ gut an einem Tag durchlesen.

„Der Sturm“ und Olympia fanden noch eine Fortsetzung bei der Eröffnung der Spiele der gehandicapten Sportler (Paralympics) einige Monate später. Hier spielte Miranda eine besondere Rolle, dargestellt von der im Rollstuhl sitzenden Schauspielerin Nicola Miles-Wildin, die mit Prospero (Ian McKellen) auf eine fantastische Reise ging. Am Ende gab sie ein ebenfalls berühmtes Zitat aus dem „Sturm“ wieder:

 O wonder!
 How many goodly creatures are there here!
 How beauteous mankind is! O brave new world 
 That has such people in‘t.
 (Akt V, Szene 1).

Vorgestellt von Yvonne Lüder

„Der Sturm“ von William Shakespeare ist eine dramatische und komödiantische Geschichte, in der Prospero, der verratene aber rechtmäßige Herzog von Mailand auf einer Insel versucht Rachepläne an seinen Bruder in die Tat um zusetzten. Zudem versucht er dabei noch seine Tochter gut zu verheiraten.

Zu Beginn steigt der Leser auf ein Schiff und ist mitten in einem wilden Sturm, bei dem er um das Leben der Besatzung und Reisenden bangen muss. Zu jenen Reisenden gehört sein verräterischer Bruder und der König von Neapel samt seines Sohnes.

Prospero nutzt nun seine magischen Künste und die wundervolle Atmosphäre jener Insel, auf der er Zuflucht fand, um alle in seinen Bann zu ziehen.

Shakespeare beweist auch in diesem Werk eine bildgewaltige Sprache und beeindruckende Fantasie. Prospero beschwört ein magisches Mahl mit allerhand mythologischen Gestalten herauf, die den König mit seinem Gefolge die Sinne vernebeln.

Neben schönen Figuren wie dem Luftgeist Ariel, oder der Tochter Miranda, finden auch zum Schmunzeln bringende Nebenrollen Platz, wie der vielleicht sogar immer betrunkene Kellner Stepahno.

Dieses Theater war für mich mal etwas anderes, als Shakespeares sonst eher tragischen Geschichten. Es berührt das Herz, bringt einen aber auch zum Lachen und so lässt sich das Werk friedlich gestimmt zuklappen.

Nicht zu vernachlässigen ist, dass aus jener Geschichte gerne rezitiert wird und auch interessante Adaptionen existieren.

Alleine deswegen ist es ein Muss, auch dieses Stück von ihm zu lesen.

31.01.2016

Vorgestellt von Unbekannter Verfasser

Mir, mir Armen war mein Büchersaal

Als Herzogtum genug

Und dort in dieser, meiner Sammlung

Inmitten, und zwischen den Titeln vergraben

Sah ich einen Sturm aufziehen und mir schien

Ich träumte, ich wär auf einem Boot, war dort

Zeile für Zeile, und eine Zeile später dann

Plötzlich wieder an Land

War wahrhaftig anwesend und mir schien, ich

Hätt das Schiff des Königs kentern sehn

Und seine Hoheit sinken

Und trotz bedrohlicher Thematik

Trotz befremdlichem Ausdruck altenglischer Sprache

Überkam es mich Seite für Seite

Das Buch war sein eigener Ort

In solchem Tempel kann nichts Böses wohnen

Denn hätt das Böse solch schöne Wohnung

Dann würd das Gute bei ihm leben wolln

So kam es, dass ich Gutes darin fand

Begann, den Sturm für meine Zwecke zu nutzen

Jene Aufgabe über internationale Literatur im Hinterkopf

Entschied mich nicht mehr um, denn

Andere Titel waren weit weniger

Bedeutsam zu gegebenem Anlass, zu trivial, denn

Die springen jederzeit durch jeden Reif

Wenn wir ihn richtig halten

Also dieses Buch, Akt für Akt, doch

Das Meer ersäuft mich nicht

Fühle mich auf eine Insel versetzt, und doch ertrunken

Das Meer lacht unserem Scheitern hier an Land

Daher raus und zwischen die Wellen

Lohnen wird sich die Arbeit

Und im Wiki andere sich erfreuen, die darum wissen

Dich, du schöne Literatur zu schätzen, wie ich es tat

Denn ich gab dir ein Drittel meines eigenen Lebens

Ja das, wofür ich leb

Und leg sie nochmals in deine Hand

Was schon lernen aus solch verdrehter Worte?

Dabei ist die Lektion so einfach

Geschichten sind es, die wir uns erzählen

Die wir weitergeben und aufschreiben, für jene

Die wir lieben und schätzen, das heißt Leben

Wir sind vom Stoff

Aus dem die Träume sind

Und unser kleines Leben beginnt und schließt ein Schlaf

Also seht

Wie ich den Sturm erregt hab

Und er mich, und was er mit mir macht

Welch Gefühle er entfaltet

Doch wage ich nicht, über Bedeutung zu sprechen

Was bedeutet schon, in dieser Welt?

Sprich selbst, Bedeutung

Und sehe die Gesichter der Menschen

So stark packt sie dein Zauber

Dass wenn du sie jetzt sehn würdest

Dein Empfinden sanftmütig werden müsst

Mein Zauber ist dafür nicht ausreichend

Denn Bedeutung schafft sich jeder selbst

All diese zu vereinen, liegt jenseits meiner Macht

Und zwischen grünem Meer und blauem All

Heulenden Krieg schuf; krachendem Donnerhall

Gab ich das Feuer

Doch diesem großen Zauber schwör ich hier ab

Oder es doch wagen? Ein paar Zeilen nur?

Mit Worten erneut beginnen wie

Das Stück handelt von Diesem und Jenem

Shakespeare meinte Dieses oder Jenes

Damit anderen die Zeit erspart wird

Ein paar hundert Seiten zu lesen?

Niemals! Zu sehr ist es

Labyrinth, so seltsam wie's kein Mensch je sah

Und da liegt mehr in alledem, als je Natur bewirkt hat

Und bring zu Ende nun

Was ich anderen nicht vorwegnehmen will und darf

Mir fehlt die Kunst zum Zaubern jetzt, und Geistergunst

Und Verzweiflung ist mein End

Sei's denn, dass ich Erlösung fänd

Ein andern Mal, erzähle ich mehr

Versprochen, Indianerehrenwort

Erzähle euch von Prospero und seiner Tochter Miranda

Davon, was Menschen antreibt

Sie dazu bringt, Liebe und Vertrauen zu verblenden

Davon, Verlust nicht in Vergeltung zu rächen

Davon, was Vergebung der Menschheit für Reichtum doch wär

Würden wir nur erkennen, wer wir wahrlich sind

Alles bericht ich

Versprech euch stilles Meer

Und gewogenen Wind

Erzähl euch von jenem Theaterstück

Das mehr als faszinierend ich find.


Der kursiv gedruckte Text wurde zitiert aus: Shakespeare, W. (2001). Der Sturm – Zweisprachige Ausgabe – Deutsch von Frank Günther. München: dtv.

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