Die Edda des Snorri Sturluson

Zu einer Zeit als Schrift und Papier noch fremd waren, erzählten die Menschen sich Geschichten und trugen Gedichte und Lieder vor. Dies hatte mehrere Gründe: Zum einen wurden so historische Ereignisse, Kriege, Siege und Niederlagen verbreitet. Es ging also schlicht darum Informationen weiterzugeben. Zum anderen waren diese Erzählungen zur Unterhaltung gedacht. Geschichten über die Götter waren zugleich Zerstreuung als auch kulturelles Erbe. Einige Jahrhunderte später im Skandinavien des 13.Jahrhundert, war dies Aufgabe der Skalden. Skalden waren am Hofe, vor allem in Norwegen, lebende Dichter. Der wohl bekannteste von ihnen war Snorri Sturluson (1178/79-1241), der Verfasser der Snorra Edda. Snorri Sturluson war Isländer, lebte aber lange Zeit am norwegischen Hof. Die Edda, die auf Altisländisch verfasst ist,enthält viele Ausschnitte aus den Helden- und Götterliedern, war jedoch in erster Linie dazu gedacht jungen Skalden als „Lehrwerk“ zu dienen.

Die komplette Snorra-Edda umfasst drei Teile:

  • Gylfis Täuschung
  • Lehre von der Skaldendichtung
  • Verzeichnis der Versformen

In meiner Ausgabe des Reclam Verlags sind „Gylfis Täuschung“ und der größte Teil der „Lehre von der Skaldendichtung“ enthalten. Bei letzterem wird schon am Titel der Lehrcharakter des Werks deutlich. Zu Snorris Lebzeiten war Skandinavien bereits komplett christianisiert. Um den typischen Charakter der eddischen Dichtung beibehalten zu können, mussten sich die Skalden also trotzdem mit der heidnischen Götterwelt auskennen. Dabei hilft ihnen „Gylfis Täuschung“. Darin begibt sich der schwedische König Gylfi zu den heidnischen Göttern und stellt ihnen Fragen über die Entstehung der Welt, die Tages- und Jahreszeiten, die einzelnen Götter etc.

Bei der Lehre von der Skaldendichtung handelt es sich um einen etwas theoretischeren Text, jedoch mit vielen Beispielen. Besonders geht Snorri hier auf die Kenningar ein. Kenningar waren eines der wichtigsten Stilmittel der skaldischen Dichtung: Wortumschreibungen. Diese wurden auf komplexe Art nach bestimmten Regeln gebildet. Ein sehr einfaches Beispiel ist „Schlange der Bogensehne“ für „Pfeil“. Besonders für Götter und einzelne Menschen wurden sehr komplizierte Kenningar geschaffen, die voraussetzen, dass man sich mit der Mythologie gut auskennt. Dies macht die Snorra Edda trotz Anmerkungen und Übersetzungshilfen zu einer sehr anspruchsvollen Lektüre, die sicherlich nicht zum „mal eben nebenbei lesen“ geeignet ist.

Janina Feldmann

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