Hans Christian Andersen: Die kleine Seejungfrau

Vorgestellt von Leonie Eis

„Großmutter?“

„Ja, meine Kleine?“

„Erzählst du mir die Geschichte deiner Schwester?“

„Schon wieder? Ich muss sie dir doch bestimmt schon hundert Mal erzählt haben!“

„Ach, bitte! Bitte, bitte, bitte!“

„Na gut, setz dich zu mir. Also, es ist jetzt schon über hundertachtzig Jahre her. Das ist selbst für Seevolk eine lange Zeit, ein halbes Leben… Ich war damals ein junges Mädchen, etwa so alt wie du jetzt, und die Älteste meiner Schwestern.“

„So wie ich!“

„Ja, so wie du. Meine Mutter war früh gestorben, deshalb kümmerte meine Großmutter sich zusammen mit Vater um uns.“

„So wie du!“

„Noch mehr sogar, denn ihr habt ja eure Mutter, die für euch da ist. Meine Großmutter war eine stolze Frau, aber liebevoll und gütig.“

„Du bist auch eine tolle Großmutter!“

„Soll ich nun die Geschichte erzählen, oder willst du mich weiter ständig unterbrechen?“

„Entschuldige. Bitte, erzähl weiter.“

„Also gut, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, richtig. Meine jüngste Schwester war genau so neugierig wie du, und wie du liebte sie Geschichten. Am liebsten hörte sie Geschichten über die Menschen und ihre Welt, und unsere Großmutter verbrachte viele Stunden damit, sie ihr zu erzählen. Immer, wenn ein Schiff sank, erbaten wir uns etwas von den Schätzen, die sich im Wrack fanden. Meine Schwestern und ich liebten alles, was glitzerte und hübsch aussah, und wir sammelten und tauschten viele Dinge. Aber das einzige, was die Jüngste je für sich erbat, war die Statue eines hübschen jungen Menschen. Die stellte sie in ihren Teil des Gartens und hütete sie wie den größten Schatz. Wie du weißt, darf eine Prinzessin des Seevolkes zum ersten Mal an die Meeresoberfläche aufsteigen, wenn sie ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert hat. Wir alle haben diesen Tag sehnsüchtig erwartet, aber ich glaube, nicht einmal ich war so aufgeregt wie die Kleinste, obwohl ich doch als Erste all die Wunder der Oberfläche sehen durfte. Als mein fünfzehnter Geburtstag endlich kam, und ich nach oben schwamm, war ich aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Es war herrlich! Die Wellen, wie meinen Körper hin und her schoben; der Wind, der um meinen Kopf fuhr und mit meinem Haar spielte; das Mondlicht, dass die Wellen versilberte. Ich legte mich auf eine Sandbank und beobachtete stundenlang von dort aus die große Stadt am Ufer.“

„Und? Wie sah sie aus?“

„Ich konnte das Mondlicht auf den Dächern glitzern sehen, und in den Fenstern und Straßen funkelten die Lichter bis tief in die Nacht hinein. Und der Wind trug die Stimmen der Menschen, ihre Musik und das läuten der Kirchenglocken zu mir aufs Wasser hinaus. Ich bin danach noch oft an die Oberfläche gestiegen, erst alleine, dann mit meinen Schwestern. Aber dieses erste Mal werde ich nie vergessen.“

„Und dann war die jüngste Schwester dran!“

„Ja, nachdem wir alle an der Oberfläche gewesen waren, kam endlich auch der fünfzehnte Geburtstag meiner jüngsten Schwester. Ich glaube, ich habe sie vorher noch nie so strahlen sehen, wie in dem Moment, in dem sie nach oben schwamm. Sie blieb lange weg, aber als sie zurück kam, war sie todtraurig, und sie weigerte sich, einer von uns zu erzählen, was sie erlebt hatte. Ein halbes Jahr lang schwamm sie jeden morgen an die Oberfläche, und jedes Mal war sie noch trauriger, wenn sie zurückkehrte. Schließlich erzählte sie uns, was passiert war. Sie hatte, als sie zum ersten Mal an die Oberfläche durfte, das Geburtstagsfest eines jungen Prinzen auf einem Schiff gesehen. Nach dem Fest zog ein Sturm auf und das Schiff sank, aber meine Schwester rettete den Prinzen und brachte ihn ans sichere Ufer. Er aber war bewusstlos und sah nicht, wer ihn gerettet hatte, und in den folgenden Tagen und Monaten sah sie ihn nicht wieder.“

„Wie schrecklich! Aber dann hat sie ihn wiedergefunden.“

„Ja, eine Freundin einer meiner Schwestern wusste, wo sein Königreich lag, und meine Schwester schwamm oft hinauf, um ihn zu sehen. Sie wurde noch neugieriger auf die Menschenwelt und fragte uns Schwestern und unserer Großmutter Löcher in den Bauch. Die Großmutter erklärte ihr, dass wir nicht, wie die Menschen, unsterbliche Seelen haben, sondern uns nach unserem Tod in Meerschaum verwandeln, und das der einzige Weg für uns, eine Seele zu bekommen, ist, von einem Menschen geliebt und geheiratet zu werden. Um meine Schwester abzulenken, veranstaltete Großmutter einen Hofball. Es war herrlich! Wir sangen und tanzte und feierten bis spät in die Nacht hinein, und erst am nächsten Tag merkten wir, dass meine jüngste Schwester verschwunden war.“

„Was war mit ihr passiert? Wo ist sie hingegangen?“

„Das fanden wir erst Wochen später heraus, nachdem wir überall gesucht hatten. Sie war zur Seehexe gegangen, und hatte dort ihre Stimme eingetauscht gegen einen Trank, der sie in einen Menschen verwandelte. Aber sie zahlte einen hohen Preis dafür: Jeder Schritt auf ihren neuen Beinen fühlte sich an, als ob sie auf Messer träte, und sollte der Prinz jemals eine andere Frau heiraten, so wäre das ihr Tod.“

„Wie furchtbar! Warum hat sie das getan?“

„Weil sie den Prinzen aufrichtig liebte, mehr noch als ihr eigenes Leben. Nachdem wir sie gefunden hatten, schwamm ich jede Nacht mit meinen übrigen Schwestern hinauf, um für sie zu singen, und auch Vater und selbst Großmutter kamen an die Oberfläche, um sie zu sehen. Zunächst sah es aus, als könnte alles ein glückliches Ende nehmen, denn der Prinz liebte meine Schwester sehr. Aber es war mehr die Liebe zu einer Freundin oder einem Kind, denn sein Herz hatte er an das Mädchen gehängt, von dem er dachte, es hätte sein Leben gerettet, und meine Schwester konnte ihm nicht erzählen, dass in Wahrheit sie ihn gerettet hatte. Und dann sollte der Prinz mit der Prinzessin des Nachbarlandes verheiratet werden. Meine Schwester begleitete ihn auf der Reise dorthin und wir folgten dem Schiff.“ „Und was geschah dann?“

„Es stellte sich heraus, dass die Prinzessin das Mädchen war, dass den Prinzen damals gefunden hatte, und nach dem er immer gesucht hatte, und innerhalb kürzester Zeit fand ihre Hochzeit statt. Wir waren verzweifelt, denn die Hochzeit des Prinzen sollte ja den Tod unserer Schwester bedeuten. Großmutters volles, weißes Haar wurde schütter und viel aus, und auch Vater schien auf einmal um Jahre gealtert. Meine Schwestern und ich beschlossen, einen letzten Versuch zu wagen, um die Jüngste zu retten, und schwammen zur Seehexe. Wir boten ihr unser Haar an. Im Gegenzug gab sie uns ein Messer, dass wir unserer Schwester brachten: Damit sollte sie den Prinzen erstechen, dann würde sie wieder zur Meerjungfrau werden.“

„Aber sie hat es nicht getan?“

„Nein, sie liebte ihn zu sehr. In dem Moment, in dem die Sonne aufging und sie sterben sollte, stürzte sie sich über die Reling ins Meer.“

„Und ist sie gestorben?“

„Ja und Nein. Ihr Körper löste sich in Meerschaum auf, aber weil sie so gelitten hatte, bekam sie die Chance, eine Tochter der Lüfte zu werden. Wenn sie dreihundert Jahre lang Gutes tun, bekommen die Töchter der Lüfte eine eigene unsterbliche Seele. Und ich zweifle nicht daran, dass meine Schwester eine bekommen wird, wenn in hundertzwanzig Jahren ihre Zeit um ist. Also, denke daran, wenn du morgen zum ersten Mal an die Oberfläche steigst: Die Welt der Menschen mag verlockend sein, aber die Menschen zu sehr zu lieben wird dich ins Unglück stürzen.“

Hans Christian Andersen

(*02.04.1805, † 04.08.1875) war einer der berühmtesten Autoren Dänemarks. Bekannt wurde er vor allem durch seine Märchen. Er schrieb insgesamt 168 Märchen und etwa 1000 Gedichte. Sein Leben begann allerdings als Sohn verarmter Eltern. Nachdem sein Vater früh gestorben war, arbeitete er zuerst in einer Fabrik, um sich und seine Mutter zu versorgen, und ging mit 14 Jahren nach Koppenhagen, wo er sich erfolglos als Schauspieler und Sänger versuchte. Schließlich nahm ihn der Direktor des Königlichen Theaters, Jonas Collins, bei sich auf. Durch ihn und die Förderung des dänischen Königs konnte Andersen ab dem Alter von fünfzehn Jahren eine Schule besuchen und später studieren. Gegen Ende seiner Schulzeit begann Andersen, seine Gedichte zu veröffnetlichen und schrieb auch bereits seine ersten Märchen.

Mit 25 Jahren verliebte Andersen sich in Riborg Voigt, die Schwester seines Studienfreundes Christian Voigt. Diese war jedoch bereits mit einem anderen Mann verlobt. Andersen bewahrte ihren Abschiedsbrief bis zu seinem Tod auf. Nach Riborgs Hochzeit unternahm Andersen zahlreich Reisen durch Europa, die später als Vorlage für viele seiner Werke dienten.

Interpretation

Bereits seit dem 19. Jahrhundert wird kontrovers darüber diskutiert, ob Andersen homosexuell war. Besonders wird hier seine Beziehung zu Edvard Collins, dem Sohn seiner Zieheltern, genannt. Betrachtet man „Die kleine Seejungfrau“ unter diesem Aspekt, lassen sich einige Verbingungen zu Andersen herstellen: Die kleine Seejungfrau kann dem Prinzen ihre Zuneigung nicht mitteilen, da sie ihre Stimme eingetauscht hat. Auch Andersen konnte seine Zuneigung nicht offen zeigen, da Homosexualität zu seiner Zeit stark tabuisiert war. Daraufhin heiraten sowohl der Märchenprinz als auch Edvard Collins jemand anderen. Die Meerjungfrau hat keine unsterbliche Seele - für sie ist der Weg in den Himmel versperrt. Da Homosexualität zu Andersen Zeiten als Sünde galt, sah er auch für sich keinen Weg dorthin. Die kleine Seejungfrau erhält jedoch aufgrund ihres Schmerzes durch die unerwiederte Liebe die Chance, doch noch eine Seele zu bekommen, wenn sie Gutes tut und die Menschen erfreut. Andersen mag auf die selbe Vergebung gehofft haben, und es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Menschen mit seinen Märchen und Gedichten zu erheitern.

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code die_kleine_seejungfrau (erstellt für aktuelle Seite)