Aleksis Kivi: Die Sieben Brüder

Vorgestellt von Norman Klokow

Die Jahrhunderte hindurch war das Schwedische die Texte aus Finnland – gleich welcher Art – dominierende Sprache, war Finnland doch ein Teil des Königreichs Schweden. Erst 1902 wurde das Finnische mit der Erhebung zur Amtssprache dem Schwedischen offiziell gleichgestellt.

„Die sieben Brüder“ („Seitsemän veljestä“) erschien bereits 1870 und war nicht nur der einzige Roman Aleksis Kivis sondern auch der erste in finnischer Sprache veröffentlichte Roman überhaupt, der damals allerdings harsch kritisiert wurde, gebe er doch ein falsches Bild der Finnen wieder. Kivis Zeitgenosse August Ahlqvist warf dem Werk gar vor, es sei „eine lächerliche Arbeit und ein Schandfleck der finnischen Literatur“, woraufhin Kivi nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung der „Sieben Brüder“ depressiv und unter Angststörungen leidend verarmt an Typhus verstarb.

„Die Sieben Brüder“ erzählt von den namensgebenden Brüdern Juhani, Tuomas, Aapo, Simeoni, Timo, Lauri und Eero, die zu Beginn der Geschichte zwischen fünfundzwanzig und achtzehn Jahren alt sind. Sie wuchsen auf dem Hof von Jukola, nahe dem Dorf Toukola, auf, gelegen in der historischen Landschaft Häme.
Jeder der Brüder hat einen anderen Charakter und andere Eigenschaften. Juhani ist plump und etwas brutal, Tuomas der stärkste der Brüder, Aapo ist ruhig und ein guter Streitschlichter, Simeoni religiös, aber auch geizig, Timo etwas einfältig und langsam, Lauri ein meist wortkarger Einzelgänger, der gern in der Natur herumstreift, und Eero als der jüngste Bruder nicht auf den Mund gefallen und ein Lästermaul, das gerne stichelt und insbesondere Juhani gern provoziert.
Die Brüder erben gemeinsam zu Anfang des Romans den Jukola-Hof, in ihrer Faulheit aber schieben sie jede Arbeit auf und gehen lieber gemeinsam auf die Jagd oder geraten ob ihrer Heißblütigkeit mit anderen Männern ihres Alters aneinander; wobei die meisten dieser Raufereien im Sinne der sieben Brüder ausgehen.
Der Ernst des Lebens holt sie jedoch langsam ein, und sie suchen sich Ehepartnerinnen, doch ergibt sich hier ein Problem: Es ist für jeden dieselbe – die nahebei lebende Venla – und diese entscheidet sich … für keinen von ihnen. Obendrein kann nicht ein einziger der Brüder lesen, was ihnen die Konfirmation und damit den Erwachsenenstatus in der Kirche verwehrt, aber aufgrund der strengen Unterrichtsmethoden und des eigenen Unvermögens flüchten die Brüder auch aus dem Hause des Küsters, der es ihnen beibringen soll.
Vielmehr flüchten sie anschließend jedoch sogar aus jedweder Verantwortung. Sie verpachten ihren mittlerweile etwas heruntergekommenen Hof, dessen Sauna aufgrund eines Missgeschicks auch noch niederbrannte, für zehn Jahre an den Gerber des Dorfes und beschließen, für diese Zeit in der Waldwildnis am Berg Impivaara zu leben. Sie machen sich wenig Sorgen um ihr Überleben, schließlich sind sie bewandert, was die Jagd angeht, und ziehen mit ihrem alten Pferd, der Hofkatze und den beiden Hofhunden aus, bauen sich eine kleine Hütte auf und beginnen ihr abgeschiedenes Leben.
Selbstverständlich bessern sich die Brüder nicht und in den folgenden Kapiteln geraten sie aufgrund ihrer schlechten Eigenschaften, der Faulheit und Unvorsichtigkeit, aber auch einiger Missgeschicke und später auch Trinkerei und Misstrauens in immer unangenehmere Situationen. Ihre Hütte brennt etwa im tiefsten Winter nieder und eine Herde Rinder jagt sie auf einen Felsen, von dem sie einige Tage lang nicht mehr herabkommen.
Nachdem jedoch gleich zwei Brüder, der eine im Traum, der andere im Vollrausch, düstere Omen, gar den Teufel selbst sahen, und die Gruppe sich in eine Situation gebracht hatte, in der sie vermeintlich nur noch durch einen Eintritt in die Armee entkommen konnte, setzt ein Umdenken ein. Sie roden Waldland und machen diese Flächen urbar, sie lernen schreiben, um auch gute Christen werden zu können, und trotz widriger Umstände und einiger Rückschläge beeindrucken sie ihre früheren Bekannten wie den Priester, der ihnen aufgrund ihres Könnens in der Lesekunst sogar sieben Ausgaben des Neuen Testamentes schenkt.
Als das Ende der Pachtzeit erreicht ist, betreiben die Brüder einen großen und ertragreichen Hof und auch ihr Charakter ist überwiegend besonnener und im christlichen Sinne besser geworden, auch wenn gerade Juhani etwa seinen Jähzorn nicht ablegen konnte. Sie kehren auf den Jukola-Hof zurück, versöhnen sich mit all jenen, mit denen sie früher Zwistigkeiten hatten, und ein jeder heiratet und gründet eine Familie (und es ist Juhani, für den sich Venla entscheidet), ausgenommen Simeoni. Die beiden Höfe, der Jukola-Hof und der Impivaara-Hof, sowie zwei andere Besitzungen werden unter den Brüdern aufgeteilt und letztlich wird ein jeder ein angesehener Teil der Gesellschaft, sei es nun als Schöffe, als Jagdaufseher oder einfach als fleißiger Bauer, denn ihre Faulheit haben sie alle abgelegt.

Aufgelockert wird die teils anekdotenhaft wirkende Schilderung des Lebens der Brüder, worauf besonderes Augenmerk auf die zehn Jahre am Impivaara gelegt wird, durch meist von Aapo erzählte Sagen und von Eero gesungene Lieder. So schafft es das Werk, einen interessanten Einblick in das ländliche Finnland des 19. Jahrhunderts zu geben; Kivi beschreibt anschaulich die Landschaft wie die Leute und so erfährt man auch einiges über die damalige Gesellschaft, die Bedeutung des Christentums, aber auch den Stil der gängigen Sagen und Geschichten, obgleich die in den „Sieben Brüdern“ erzählten von Kivi erdacht sind.
Der Einfluss des Christentums auf das Denken ist in den „Sieben Brüdern“ nicht zu übersehen, denn es tritt nicht nur andauern unterschwellig auf sondern auch offen. Simeoni ist sehr gläubig und gibt immer wieder Geschichten aus der Bibel wieder, die Brüder gelten nicht als gute Christen, können sie doch nicht lesen, aber natürlich sprechen auch ihre Eigenschaften dagegen und hier findet sich auch eine christliche Botschaft im Text, der fast an das „Ora et labora“ der Benediktiner erinnert. Erst als die Brüder ihre Faulheit abgelegt haben und sie glauben, dem Satan begegnet zu sein, setzt ein Sinneswandel ein, und ihr Leben wendet sich zum Guten. Und es wird noch besser, als sie auch lesen können und damit der Konfirmation nichts mehr im Wege steht. Nur wenn sie im christlichen Sinne gut handeln, können sie auch ein gutes – arbeitsames aber nicht mehr ärmliches und einsames – Leben führen – und sich sogar anderen überlegen fühlen, hat der Gerber es doch mit seiner eigenen Faulheit geschafft, den Jukola-Hof noch weiter herunterzuwirtschaften.
---- Eine Sache darf jedoch nicht unerwähnt bleiben. Diese Übersetzung der „Sieben Brüder“ von Erhard Fritz Schiefer ist ein Print-on-Demand-Titel, der erste, den ich las, und wenn er ein typisches Beispiel für Print-on-Demand darstellt, so gehört diese Institution gleich wieder abgeschafft, denn obgleich Kivi eine durchaus ansprechende Geschichte verfasst hat, gilt das für die vorliegende Ausgabe (ISBN: 978-3-928548-25-5) ganz und gar nicht. Es wimmelt in ihr von Fehlern – fehlende Buchstaben, Rechtschreibfehler anderer Art, dem Fehlen von Satzzeichen –  und auch Satz und Layout sind eine Katastrophe: Zeilenabstände übermäßig groß, dafür die Abstände zum oberen und unteren Rand kaum vorhanden, (typografisch) falscher Gebrauch von Satzzeichen …
Wahrscheinlich ist davon nicht viel dem Übersetzer vorzuwerfen, aber auch dieser hat, wie ich finde, keine gute Arbeit geleistet. Immer wieder tauchen anachronistische Begriffe auf, darunter etwa „Jazztrompete“ (der Jazz entstand erst um 1900), „Panzer“ im Sinne des Kampffahrzeugs, dessen Konzept 1870 sicherlich im ländlichen Häme unbekannt war, oder, am schlimmsten, das Wort „Quizmaster“. Ähnliches gilt auch für die unpassende Verwendung von Dialekt und die Versuche, Sprichwörter zu übersetzen, die etwa in dem Ausdruck „Ach du liebes Herrgöttle von Biberach“ mündeten, was sicherlich in Finnland weder heute noch vor 150 Jahren auch nur irgendjemand sagte.
All das ist bedauerlich und tut einem guten und interessanten, mitunter humorvollen Werk ziemlichen Abbruch. Ich empfehle niemandem diese Übersetzung und Ausgabe und hoffe, dass auch andere Übersetzungen wieder erhältlich sein werden; im Zweifelsfall sollte das Werk lieber auf Englisch gelesen werden als in dieser Übersetzung.

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