Aristophanes: Die Vögel

Vorgestellt von Norman Klokow

Peisthetairos (Πεισθέταιρος; das θ sei hier, wie üblich, als »th« wiedergegeben, auch wenn Niklas Holzberg, auf dessen Übersetzung sich dieser Text stützt, davon abweicht) und Euelpides (Ευελπίδης) haben genug von Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges, vor allem von den ständig zu führenden Prozessen (und den Gläubigern), aber Peisthetairos hatte eine Idee: Man könne ja zu Tereus gehen, dem einstigen sagenhaften König der Thraker, einem Sohn des Ares, der nur leider in einen Wiedehopf verwandelt worden war und nun über die Vögel herrschen muss. Diesen könne man doch sicher überreden, eine Stadt zu gründen, um selbst zu herr–, nein, in der die Vögel herrschen sollten, und in der man friedlich – und vor allem reich und ohne Prozesse – leben könne.
Das erweist sich auch als überraschend einfach, denn Peisthetairos ist ein begabter Redner und Manipulator, aber es genügt nicht, nur den König selbst zu überzeugen, sind doch die Vögel – wie die Athener es kennen – in gewisser Weise unterhalb ihres Herrschers demokratisch organisiert. Die Vogelscharen zu überzeugen, ist dann eine ganz andere Aufgabe, gehen viele doch davon aus, dass man sie doch nur in eine Falle locken möchte; schließlich lieben die Menschen es ja, Vögel zu verspeisen – und es war vielleicht doch nicht die beste Idee, eine Dohle, eine Krähe und verschiedene Kochutensilien mitzubringen.
Aber nach längerer Diskussion ist auch der letzte Vogel überzeugt: Die Herrschaft über die Welt lag einst bei ihnen, bis die Götter ihnen die Macht entrissen. Sie sind die rechtmäßigen Herren der Welt und haben das Recht dazu, zurück in diese Position zu gelangen. Und wer sollte ihnen helfen können, wenn nicht die beiden Menschen? Denn die haben auch gleich eine Idee, wie man den Vögeln zur Rückgewinnung ihrer Macht verhelfen kann: Man baut eine Stadt zwischen den Menschen auf der Erde und den Göttern im Himmel bzw. auf dem Olymp, denn wie jeder weiß, ernähren sich die Götter neben Nektar und Ambrosia von Opfern oder vielmehr vom Rauch der verbrannten Opfer. Wenn man aber die Stadt zwischen den opfernden Menschen und den Göttern errichtet, kann man den Rauch abfangen und die Götter verlören ihre Macht. Ganz einfach.
Flugs werden Peisthetairos und Euelpides, der fortan kaum noch eine Rolle spielt, ebenfalls in Vögel verwandelt, und man beginnt mit dem Bau der Stadt. Aber wie soll sie heißen? Sie nach Sparta zu benennen wird schnell abgelehnt, aber Wolkenkuckucksheim gefällt – ja, es ist Aristophanes, der dieses Wort schuf, oder vielmehr Schopenhauer, der »Νεφελοκοκκυγία« so übersetzte – und auf nicht ausgeführte Art und Weise – aber man kann sich vorstellen, wie – wird Peisthetairos die wichtigste Person der Stadt im Aufbau.
Aber er soll feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine Stadt zu regieren und noch vor dem ersten, die Stadt einweihenden Opfer – und man opfert natürlich den neuen Göttern! – erscheinen schon die ersten Personen, die von der Stadtgründung hörten, und gehen Peisthetairos gehörig auf den Geist: Ein ziemlich schäbiger Dichter preist die neugegründete Stadt und hofft auf eine milde Gabe dafür, die er sogar noch bekommt, aber den ihm folgenden Besuchern ergeht es nicht mehr so gut. Der Orakeldeuter nach ihm hat angeblich schon vor langer Zeit von der Gründung gehört und das Orakel sprach einst für ihn überraschenderweise sehr Günstiges:

»Aber wenn einmal Wölfe und graue Krähen zusammen
hausen im selben Gebiet zwischen Sikyon und Korinthos
opfre zuerst einen Widder mit einem weißen Vlies der Pandora.
Wer dann zuerst erscheint als Verkünder von dem, was ich sage,
dem gib du einen Mantel, einen saubren, und neue Sandalen –
[…]
gib auch die Opferschale und fülle mit Fleisch ihm die Hände.«

Doch natürlich hat auch Peisthetairos spontan einen Orakelspruch zur Hand:

»Aber wenn ungeladen ein Mensch, der ein Großmaul ist, herkommt,
opfernde Leute belästigt und Lust auf Stücke vom Fleisch hat,
dann hat man ihn auf die Stelle inmitten der Rippen zu schlagen […].«

Und von Peisthetairos mit der eigenen Orakelschriftrolle geprügelt muss der Orakeldeuter fliehen.
Doch er und der Dichter sollen nicht die einzigen bleiben, die sich an der neuen Stadt bereichern wollen. Auch der Astronom und Geometer Meton kommt vorbei und möchte, natürlich für einen angemessenen Lohn, die Stadt vermessen. Und ihm folgt ein Inspektor des Attisch-Delischen Seebundes, der gleich einmal von dem vermeintlichen neuen Bundesgenossen Wolkenkuckucksheim die fälligen Abgaben einzutreiben versucht. Doch auch diese beiden verlassen wie auch der folgende Volksbeschlussverkäufer bald geprügelt die Stadt.
Irgendwann ist das Opfer dann doch dargebracht und die Stadt fertiggestellt und natürlich ist es Peisthetairos, der zum Archon der Stadt wird. Aber ruhig wird es nicht für ihn, seine nächste Besucherin konnte sich an allen Vogelwachen vorbei in die Stadt schleichen: die Götterbotin Iris, die selbstverständlich ganz andere Ansichten darüber hat, wem die Menschen zu opfern hätten und wer die wahren Götter seien.
Alsbald verlieren die alten Götter jedoch schon ihre Macht, wie der von Herakles befreite Prometheus, der dennoch voller Angst vor dem Zorn des Zeus in die Stadt kommt, nachdem sich Peisthetairos noch mit einigen anderen, weniger göttlichen Personen auseinanderzusetzen hatte und sie als Neubürger aufnahm, berichten kann, bevor er wieder verschwindet, um sich zu verstecken. Und da kann er doch auch gleich Peisthetairos’ Nachttopf mitnehmen und ausleeren. Prometheus macht dem Archon aber noch klar, dass er, sollten die alten Götter verhandeln wollen, ruhig einiges verlangen solle, darunter auch Basileia als seine Frau.
Es dauert auch gar nicht lang, da erscheint schon eine Gesandtschaft der Götter: Poseidon, Herakles und ein Triballer – denn auch die Götter der Barbaren leiden schon unter Hunger, da Wolkenkuckucksheim derartig gewachsen ist, dass auch sie kein Opfer mehr erreicht. Solch – mehr oder weniger – göttliche Unterhändler müssen natürlich gebührend empfangen werden; am besten beim Essen – beim Essen »gewisse[r] Vögel, die einen Aufstand machten gegen die demokratischen Vögel und für schuldig befunden wurden.« Herakles ist ziemlich begeistert und für ihn ist die Verhandlung schnell gelaufen – Essen geht vor, alles andere ist doch gleich. Poseidon lenkt aber nicht so schnell ein, als Peisthetairos nicht nur Zeus’ Szepter sondern auch noch Basileia verlangt, wie Prometheus es vorschlug. Der Archon stachelt obendrein den Bruder und den Sohn des Götterfürsten noch weiter gegeneinander auf, indem er spekuliert, wer denn wohl was erben würde, sollte der alte Zeus sterben: der Bruder oder der Bastardsohn? So kann er Herakles weiter auf seine Seite ziehen und der Triballer stellt das Zünglein an der Waage dar. Soll Peisthetairos auch Basileia zur Frau bekommen? Die Antworten des Triballers könnten kaum in klarerem Griechisch sein: »Dau Chaut mit Stock hau?« (angesichts der Keule des Herakles) und »Scheeni und großa Madal Basilinau Foglas ich übergebe«, was Herakles aber natürlich zu übersetzen weiß.
Kurzum: Die Komödie endet mit Peisthetairos’ Rückkehr nach Wolkenkuckucksheim, in einer Hand den Donnerkeil des Zeus und an der anderen Basileia. Ende gut, alles gut, jedenfalls für Peisthetairos.

Aristophanes bietet großartige Unterhaltung auf hohem Niveau. Er spielt mit Worten, insbesondere mit Vogelnamen und anderen Bezeichnungen, die auf irgendeine Weise mit Vögeln und dem Fliegen zu tun haben, aber er spricht auch von realen Ereignissen und flicht diese humorvoll in sein Stück ein. Ebenso verfährt er mit Personen, sowohl mit realen Persönlichkeiten als auch mit mythologischen Gestalten oder Figuren aus anderen Theaterstücken, über die er sich lustig macht. Besonders der eine oder andere seiner Athener Mitbürger oder Mit-Nicht-Bürger wird aufgegriffen und eine seiner Eigenschaften stark hervorgehoben, um Lacher in bester Slaptstick-Manier hervorzurufen.
Zur Verständnis des Humors ist aber eine gewisse Kenntnis der Zeit Aristophanes’ nötig. Ein Vogel namens Meder ist erst einmal nicht besonders amüsant, aber wenn überlegt wird, ob er vielleicht auf einem Kamel herbeigeritten sei, hat das sicherlich den einen oder anderen Athener zum Lachen gebracht; und ebendies gilt etwa auch für das Bild des gefräßigen Herakles oder den Witz über das Fehlen eines Wollmantels verbunden mit dem Wunsch eines Fluges nach Pellene.
Wie für eine Komödie passend erzeugt die Sprache auch auf ihre eigene Weise Humor. »Die Vögel« mit seinen geflügelten Figuren bietet sich perfekt für eine Verwendung vieler Onomatopoetika an und die ständigen Ausrufe von Götternamen wie »Herakles« oder »Bei Zeus!« wirken geradezu skurril, wollen die Vögel diese alle doch als Mächtige absetzen. Fehlen dürfen natürlich auch keine diffizilen Versmaße und Gesänge, nicht umsonst hatte man im klassischen Theater einen Chor zur Verfügung, und typisch für Aristophanes ist auch die teils sehr derbe und mitunter sexuell konnotierte Sprache, die wiederum für Erheiterung im Publikum sorgte. »Erinnerst du dich, wie du an einem Abend an eine Säule gekackt hast?« ist sicher eine Frage, die man nur leicht verändert auch heute noch so mancher Person stellen könnte, wenn diese sich etwa in betrunkenem Zustand nicht so ganz angemessen benahm. Seit der Zeit der alten Griechen scheinen sich manche Personen nicht allzu weit entwickelt zu haben.

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