Marcus Valerius Martialis: Epigrammata

Vorgestellt von Norman Klokow

»[…] Wie du Thymele und dem Spötter Latinus zuschaust,
mit solcher Miene lies bitte meine Gedichte.
Harmlose Spielereien kann die Zensur zulassen:
Meine Buchseiten sind frivol, meine Lebensweise ist anständig.«

(Liber primus, 4)

Mit diesen Worten wendet sich Martial an Kaiser Domitian in einem der ersten Epigramme des ersten Buches der Epigrammata. Seine Gedichte seien doch nur harmlose Spielereien und müssten nicht zensiert werden, wenn sie auch frivol und obszön seien (und das sind sie in der Tat, nicht nur implizit – Niklas Holzberg (auf dessen Übersetzungen ich auch diesen Text stütze) übersetzt etwa die oft verwendeten Worte »futuere«, »cacare«, »cunnum lingere«, »cinaedus«, »fellare«, »merda«, »natis«, »pedicare«, »mentula« und »pedere« durchaus passend, da äußerst umgangssprachlich und nicht selten abwertend gemeint, mit »ficken«, »kacken«, »eine Fotze lecken«, »Schwuchtel« bzw. »Tunte«, »einen Schwanz lutschen«, »Scheiße«, »Arsch«, »in den Arsch ficken«, »Schwanz« und »furzen«); aber er sei doch ein anständiger Römer (wenn auch aus der keltiberischen Provinz Hispania Tarraconensis).
Für seine Epigramme ist Martial berühmt geworden, nicht nur zu seiner Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus; auch heute kennt man ihn als Meister dieser Gedichtform. Was aber das Epigramm und damit seine hochgeschätzte Kunstform von der Epik anderer Autoren der Antike abhebt, führt er selbst an:

»Nicht weiß, glaube mir, was Epigramme sind, Flaccus,
wer sie lediglich Spielereien und Scherze nennt.
Der spielt mehr, der vom Mahl des grimmigen Tereus
schreibt, oder von dem Gelage bei dir, grausamer Thyestes,
oder von Daedalus, wie er dem Sohn die schmelzbaren Flügel anpasst,
oder von Polyphem, wie er sizilische Schafe weidet.
Von meinen Büchlein ist jeglicher Schwulst fern,
und meine Muse bläst sich nicht auf in der rasenden Tragödenrobe.
›Doch das loben, bewundern und verehren alle!‹
Ich geb’s zu: Sie loben es. Aber dies hier lesen sie.«

(Liber quartus, 49)

Und er hatte auch weitere sehr einfache Gründe, weshalb er Epigramme verfasste:

»Das fünfte Buch meiner Scherze ist es jetzt, Augustus,
und als verletzt durch meine Gedichte kann niemand sich beklagen,
nein, es freut sich über die Ehrung seines Namens mancher Leser,
dem bleibender Ruhm durch meine Gabe geschenkt wird.
›Doch was nützen dir diese Gedichte, wenn sie auch vielen huldigen?‹
Nützen mögen sie freilich nicht, doch mir machen sie Spaß.«

(Liber quintus, 15)

»Es lobt, liebt und singt meine Büchlein mein Rom,
und mich hält jeder Gewandbausch, mich jede Hand.
Sieh da: Einer errötet, wird blass, stutzt, sperrt’s Maul auf, zeigt Abscheu.
Das will ich: Jetzt gefallen mir meine Gedichte.«

(Liber sextus, 60)

Martials Epigramme sind triefend vor Spott, davon leben sie, dafür wurden und werden sie geschätzt. Die erwähnten Personen schämen sich nicht dafür, was Martial über sie schreibt – zumindest nach dessen eigener Aussage –, sie freuen sich darüber, dass ihr Leben für die Nachwelt festgehalten wird, dass sie berühmt werden; dabei offenbart Martial oftmals Dinge aus ihrem Leben, die wohl besser nicht veröffentlicht werden sollten, höhnend und spottend. Martial nimmt von nichts Abstand, kein Punkt im Charakter, im Aussehen und Verhalten eines Menschen ist ihm zu weit unter der Gürtellinie, als dass er von einem Angriff abgesehen hätte.
So spottet er etwa über eine Aelia und ihren Husten:

»Wenn ich mich recht erinnere, hattest du, Aelia, noch vier Zähne.
Dann trieb ein Husten zwei und noch einer zwei hinaus.
Jetzt kannst du sorglos jeden Tag husten:
Nichts hätte bei dir ein dritter Husten zu tun.«

(Liber primus, 19);

über ihn missliebige Personen:

»Sowohl auf dein Gesicht könnte ich verzichten
als auch auf deinen Hals und deine Hände und deine Beine
und deine Brüste und deinen Arsch und deine Arschbacken,
und, damit ich nicht mühsam alles einzeln anführe:
Ganz und gar könnte ich auf dich, Chloë, verzichten.«

(Liber tertius, 53);

über mangelnde Fähigkeiten im Bereich der Kunst und des Schaffens sowie der Rezitation:

»Was hüllst du, wenn du rezitieren willst, ein Wolltuch um den Hals?
Das passt für unsere Ohren besser.«

(Liber quartus, 41);

oder über den Geiz eines Mannes:

»Niemals habe er zu Hause gespeist, schwört Philo, und so ist es:
Er speist nicht, wenn niemand ihn eingeladen hat.«

(Liber quintus, 47)

Selten einmal lässt Martial ein gutes Haar an jenen, über die er schreibt, sondern stellt lieber einen jeden Bürger Roms bloß, scheinen sie doch deutlich schlechtere Beobachter ihrer selbst gewesen zu sein, als es Martial war, besonders in sexueller Hinsicht:

»Obwohl du zur Gattin eine junge Frau hast, wie
kaum im Traum ein übler Ehemann sich wünschen könnte,
vermögend, vornehm, gebildet, sittsam,
zerrüttest du, Bassus, deine Lenden, und zwar mit langhaarigen Knaben,
die du dir mit der Mitgift deiner Gattin verschafft hast.
Und so ist, wenn er zur Herrin zurückkehrt, schlaff
dein Schwanz, der von ihr für viele Tausend gekauft wurde;
und weder von ihren Schmeichelreden gereizt,
noch vom zarten Daumen gebeten, erhebt er sich.
Sei endlich anständig, oder lass uns vor Gericht gehen.
Nicht gehört er dir, Bassus: Du hast ihn verkauft.«

(Liber duodecimus, 97)

»Landgüter hast du für dich allein, Candidus, Gelder,
goldenes Geschirr hast du für dich allein, Gefäße aus Achat hast du für dich allein,
Massiker hast du für dich allein und Caecuber des Opimius-Jahrgangs für dich allein,
und Verstand hast du für dich allein, für dich allein auch Talent.
Alles hast du für dich allein – und glaube nicht, ich wolle das leugnen! –,
aber deine Frau hast du, Candidus, mit allen gemeinsam.«

(Liber tertius, 26)

Er scheint es geliebt zu haben, andere bloßzustellen, ihnen aufzuzeigen, dass andere ihre Tricks durchschauen, ob sie sie nun absichtlich anwenden oder nicht:

»Wir trinken aus Glas, du aus Achat, Ponticus. Warum?
Damit nicht ein durchsichtiger Becher verrät, dass es hier zwei Weine gibt.«

(Liber quartus, 85)

»Nur alte Weiber hast du entweder als Freundinnen
oder Hässliche und solche, die scheußlicher sind als alte Weiber.
Die führst du als Begleiterinnen mit und schleppst sie mit dir
bei Gastmählern, in Säulenhallen und Theatern herum.
Nur so bist du schön, Fabulla, so ein Mädchen.«

(Liber octavus, 79)

Und mit seinen Epigrammen war es ihm doch auch ein Anliegen, dass seine Leser beginnen, über sich und andere und deren Verhaltensweisen nachzudenken, das eigene Verhalten zu überdenken:

»Die Frau eines Militärtribunen fickst du, Knabe Hyllus,
wobei du nichts weiter als die ›Bestrafung‹ von Knaben fürchtest.
Weh dir! Während du es mit ihr treibst, wirst du kastriert. Jetzt wirst du mir sagen:
›Das ist nicht erlaubt.‹ Wie bitte? Ist das, was du tust, Hyllus, erlaubt?«

(Liber secundus, 60)

»Wenn du dreihundert mir Unbekannte einlädst,
wunderst du dich, weshalb ich, obwohl eingeladen, nicht zu dir
komme, und du beschwerst dich und schimpfst.
Allein speise ich nicht gern, Fabullus.«

(Liber undecimus, 35)

Mitunter könnte man seine Sichtweisen durchaus liberal nennen, wäre dies nicht ein Anachronismus. Man mische sich nicht in anderer Personen Leben ein, führt er einem Olus gegenüber an – geradezu selbstironisch, sind doch so viele seiner Epigramme ebendies: ein Einmischen und Kritisieren des Lebens anderer Menschen:

»Von hinten gefickt wird Eros, Schwänze leckt Linus: Olus, was geht’s dich an,
was mit der eigenen Haut dieser oder jener macht?
Für hunderttausend bumst Matho: Olus, was geht’s dich an?
Nicht du wirst deswegen arm sein, sondern Matho.
Bis zum frühen Morgen speist Sertorius: Olus, was geht’s dich an,
wo du doch die ganze Nacht schnarchen darfst?
Siebenhunderttausend schuldet dem Titus Lupus: Olus, was geht’s dich an?
Kein As gib oder leih dem Lupus!
Das aber verhehlst du, was dich etwas angeht, Olus,
und was dir mehr am Herzen liegen sollte.
Für die Toga schuldest du das Geld: Das geht dich was an, Olus.
Niemand leiht dir jetzt noch ein Viertelas: auch das.
Deine Frau betrügt dich: Das geht dich was an, Olus.
Es fordert bereits die Mitgift deine erwachsene Tochter: auch das.
Fünfzehnmal sagen könnte ich, was dich etwas angeht,
doch was du treibst, Olus, das geht mich nichts an.«

(Liber septimus, 10)

Aber nicht jedes Epigramm Martials ist wie die hier bisher aufgezeigten. Er beschäftigte sich nicht nur mit den Unzulänglichkeiten und dem unzüchtigen Verhalten seiner Mitbürger, sondern war nicht nur hochgebildet, wie man bei der Lektüre seiner Gedichte durchaus ersehen kann, sondern stellte sich auch philosophische Fragen: Was ist ein gutes Leben, wie sieht es aus (vgl. Liber sextus, 70; Liber decimus, 23; Liber decimus, 47)? Um Martials Werke allesamt zu verstehen, ist eine umfangreiche Kenntnis der griechisch-römischen Mythologie und Sagenwelt notwendig. Selbstverständlich war das Wissen darum damals weiter verbreitet als heute – sicher wusste ein jeder auch nur halbwegs gebildete Römer von Aeneas, Ganymedes und den Helden vor Troja und konnte daher mit dem Umschreibungen, die Martial verwendet und die auf diese abzielen, mehr anfangen als ein Leser der Gegenwart. Der antike Leser Martials wird sich auch mit Catull und Vergil beschäftigt haben und kann so die Anspielungen auf deren Schreibstile und Inhalte verstehen. Und auch viele Ortsangaben und andere geographische Elemente werden heute nicht ohne Erläuterung verstanden, da erwähnte Orte tatsächlich Geschichte geworden sind oder heute schlicht andere Namen tragen. Ähnliches gilt für die römische Kultur, die in vielen Epigrammen durchschenint und ohne deren Kenntnis man diese kaum verstehen kann, besonders in den Feldern des Patronatswesens und der Sexualordnung des Römischen Reiches.
Aber gerade deswegen ist Martials Werk auch ein Schatz, denn er beschreibt all dies: er nennt antike Orte, er zeichnet römische Orgien nach, er stellt Feste wie die Saturnalien dar und so kann einem auch heute klarwerden, wie dies alles aussah und ablief. Er stellt die römische Kultur dar, verweist auf Gesetze und somit geben seine Epigramme einen guten Einblick in das antike Rom und sind eine Fundgrube für kulturgeschichtlich Interessierte.
Besonders gilt das auch für die Bände »Xenia« (dt.: »Gastgeschenke«) und »Apophoreta« (dt.: »Tafelgeschenke«), die mitunter auch als Bände dreizehn und vierzehn der Epigrammata gelten, aber eigentlich von diesen abzugrenzen sind, was klar wird, wenn man Inhalt und Aufbau dieser mit den Epigrammen der ersten zwölf Bände vergleicht.
Was ihn aber wirklich berühmt machte, waren seine spöttischen und scharf pointierten kurzen Gedichte, und noch heute kennt man ebensolche als Epigramme, obwohl sie viele hundert Jahre vor Martial einst Grabinschriften und ähnliches darstellten. Und mit vier Epigrammen mit überraschender Pointe – davon dreien aus dem fünften und vielleicht schärfsten Buch – möchte ich schließen:

»Ich war krank, aber du kamst sofort zu mir,
begleitet von hundert Schülern, Symmachus.
Hundert Hände, vom Nordwind eiskalt, haben mich betastet.
Kein Fieber hatte ich, Symmachus, jetzt habe ich es.«

(Liber quintus, 9)

»Die Saturnalien sind ganz vorbei,
aber keine kleinen, auch keine kleineren Geschenke
wie sonst hast du, Galla, mir geschickt.
Gut, mag mein Dezember denn so vergehen:
Du weißt gewiss, glaube ich, dass bald eure Saturnalien
kommen, die Kalenden des März;
dann will ich dir zurückgeben, Galla, was du gabst.«

(aus Liber quintus, 84)

»[siebzehnzeilige und sehr blumige Beschreibung einer verstorbenen Sklavin]
Und doch verbietet mir mein Paetus, traurig zu sein,
und seine Brust schlagend und zugleich die Haare raufend, sagte er:
›Zu beweinen den Tod einer kleinen Sklavin schämst du dich nicht?
Ich habe meine Frau zu Grabe getragen, und dennoch lebe ich,
die bekannte, stolze, vornehme, reiche!‹
Was könnte tapferer sein als unser Paetus?
Zwanzig Millionen hat er gekriegt, und dennoch lebt er!«

(Liber quintus, 37)

»Nicht speist ohne einen Eber unser Caecilianus, Titus:
Einen schönen Tischgenossen hat Caecilianus.«

(Liber septimus, 59)

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