Anmerkung für Auszubildende

Da zuweilen Unsicherheit darüber besteht, was denn in dieser großen Menge an Texten hervorragende seien, möchte ich Sie in der nächsten Zeit auf dieser Seite auf ein paar sehr gute Texte hinweisen (ja, es gibt mehr als die hier verknüpften).

Generell gilt, dass ich keine Blah!-Texte von Ihnen lesen möchte: keine, denen man auf fünf Meter Entfernung hin ansieht, dass sie unlustig und uninspiriert in weniger als einer halben Stunde geschrieben wurden. Ich will sehen, dass Sie engagiert, informiert und klug über ein Buch schreiben können. Ich will, dass sich Ihr Text von anderen unterscheidet: es soll deutlich werden, dass es sich um Ihren Text handelt – und übrigens auch, dass Sie ausgehend von Ihren ersten Belletristik-Präsentationen viel dazugelernt haben.

Der Leserin Ihrer Rezension sollte hinterher zwar klar sein, um was es im betreffenden Buch geht, doch sollte die Inhaltsangabe keinen zu großen Teil Ihrer Vorstellung einnehmen: es gibt so viel mehr, was man über ein Buch sagen kann! Auch formal (Orthografie, Interpunktion etc.) sollte Ihr Text fehlerfrei sein. Dann wird alles gut. (Übrigens muss ein Text, der diese Erwartungen erfüllt, nicht zwangsläufig sehr lang sein.)

Da Sie sechs Besprechungen schreiben, bekommen Sie für alle zusammen eine Note. Achten Sie bei der Auswahl darauf, dass Sie nicht nur schon vielfach behandelte Bücher vorstellen, sondern sich auch mal auf ungewohntem Terrain bewegen – dies ist zum einen für die Leser interessanter, zum anderen aber wird es bei der zehnten Besprechung eines Buches schwierig (nicht unmöglich!), noch Neues zu sagen.

Um ein paar beispielhafte Texte zu sehen, können Sie die folgende Tabelle zu Rate ziehen.

Hervorragende Buchvorstellung Gründe für diese Bewertung
Joseph Conrad: Herz der Finsternis; vorgestellt von Martina Wepner Inhalt kurz und konzentriert; zusätzlich Fakten zum Autor bzw. zur Entstehung des Textes; Textanalyse: Stil, Erzählhaltung, Figur, Motivopposition; Interpretationsansätze führen zur Darstellung der Auseinandersetzung um das Verständnis des Textes. Insgesamt reichhaltig und informativ.
Nikolaj Gogol: Das Porträt; vorgestellt von Maike Thierer Gute Einleitungen, interessante Texte: detailliert und kenntnisreich; gelungene Verknüpfung von Inhaltspräsentation und analytischen Passagen mit Deutungsansätzen
Jean-Marie Gustave Le Clézio: Wüste; vorgestellt von Karina Thormählen Aktueller Anlass; Informationen rund ums Buch; knapper Inhalt; begründetes eigenständiges Urteil – Beispiel für einen sehr guten und gleichwohl kurzen (bzw. kurzen und gleichwohl sehr guten) Text.
Henrik Ibsen: Nora; vorgestellt von Julia KädingTscha, was soll man zu Nora noch sagen? Zeitweise war dies der am häufigsten vorgestellte Titel. Da muss man schon zu besonderen Darstellungsweisen greifen …
Victor Hugo: Der Glöckner von Notre Dame; vorgestellt von Corinna SchusterSprachlich gewandte und besondere, engagierte Empfehlung mit Herzblut, bewegt und überzeugend dargeboten.
Platon: Apologie des Sokrates; vorgestellt von Jessica Jaschke-Hahne Die Form platonischer Dialoge wird genutzt, um einen Text Platons vorzustellen. – Ein Beispiel für eine andere Darstellungsweise.
Ömer Zülfü Livaneli: Glückseligkeit; vorgestellt von Anne-Lene Sembdner Reichhaltig medial unterstützt (Links zur Rezensionen, Podcasts); persönlicher Bezug; Interpretationsansatz; dicht, differenziert, anregend.

Deutlich sollte durch diese sehr verschiedenen Texte geworden sein, dass es nicht das Rezept für eine interessante Buchvorstellung gibt. Wohl aber kann mindestens gute Texte schreiben, indem man Zutaten nutzt wie

  • Lesefertigkeit
  • Neugierde, Offenheit
  • Genauigkeit
  • Textanalyse
  • Interpretationsansätze
  • Urteilsvermögen
  • Leben und Umfeld des Autors
  • Individueller Zugang
  • Hinweise zur Intertextualität und Intermedialität
  • Ungewöhnliche Form – Originalität
  • Persönlichkeit – Eigenständigkeit

Schreiben Sie drauflos!: ich wünsche Ihnen viel Freude dabei!

Hanjo Iwanowitsch, 06.01.2019, 16:03

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