Jack London: König Alkohol

„Wer nie selbst zu trinken versucht hat, kann nicht begreifen, wie König Alkohol einen immer tiefer in seine Netze ziehen kann!“ schreibt Jack London in seinem Roman. Und diese Darstellung der Droge zieht sich durch das ganze Buch. Der Alkohol ist in Jack Londons Darstellung weit davon entfernt einfach nur ein Betäubungsmittel oder gar ein Genussmittel zu sein. Er ist sein Gegenspieler der die gleiche Kraft innehat wie eben ein König über seine Treuen. Er wird nicht konsumiert, sondern er sucht sich seine Opfer und herrscht einem König gleich über sie.

Das Buch wird – so steht es auf dem Umschlag – als „stark autobiographisch gefärbter Roman“ bezeichnet, insofern lässt sich von mir nicht genau beurteilen wie weit das Leben des Protagonisten dem des wirklichen Jack London entspricht.

Der Auftakt des Buches ist eigentlich auch die Entstehungsgeschichte des Romans. Im amerikanischen Staat Kalifornien stehen einige Abstimmungen zu verschiedenen Veränderungen in der Verfassung an. Darunter auch das Wahlrecht für Frauen. Als Jack London wieder daheim eintrifft, fragt seine Frau ihn, wie er denn zu diesem Thema abgestimmt habe. Er antwortet ihr, dass er für das Frauenwahlrecht sei, und zwar aus dem Grund, dass die Frauen sicherlich die Prohibition einführen würden. „Die Frauen, Schwestern und Mütter, und nur sie sind es, die die Nägel in den Sarg König Alkohols schlagen werden.“ sagt er. Als seine Frau ihm entgegnet das sie immer geglaubt hätte, dass er doch „ein Freund König Alkohols“ gewesen sei, fängt er an sein Verhältnis zum Alkohol und auch seine damit immer eng verbundene Lebensgeschichte zu erzählen.

Er antwortete ihr: „Das bin ich. Ich war es. Ich bin es nicht. Ich war es nie. Nie bin ich weniger sein Freund, als wenn wir beisammensitzen und anscheinend die besten Freunde sind. Er ist der König der Lügner. Keiner sagt die Wahrheit so offen wie er. Er ist der erhabenste Begleiter; mit ihm wandert man wie mit Göttern. […] Sein Weg führt zur nackten Wahrheit und zum Tode. Er ist der Feind des Lebens und der Lehrer der Weisheit jenseits der Weisheit des Lebens. Er ist ein blutiger Mörder, und er tötet die Jugend.“

Und aus dieser widersprüchlichen Darstellung, die einerseits in hohen Tönen von dem Alkohol spricht, in einen erhabenen Begleiter nennt, aber gleichzeitig auch den Schatten nicht ausspart und ihn einen blutigen Mörder der Jugend nennt, speist sich die Handlung des ganzen Romans.

Es wird also das Leben des Jack Londons, und sein Verhältnis zum Alkohol gezeigt. Von seiner ersten Begegnung mit ihm, als fünf Jahre Alter Knirps, der dem Vater bei der Feldarbeit hilft und heimlich an den Bierkrügen nippt, so lange bis er – berauscht wie er war – die Orientierung auf dem Feld verliert und fasst von den Pferden zertrampelt wird. Mit sieben Jahren dann wird er von einigen italienischen Gastarbeitern zu einem Trinkgelage mit Rotwein genötigt. Da seine Mutter ihn immer vor der Heimtücke „dunkelhaariger und dunkeläugiger Menschen“ gewarnt hat, kann er sich dem nicht entziehen, da er fürchtet sonst „hinterrücks erdolcht“ zu werden. Aber hier stellt sich der Alkohol auch schlussendlich als „Freund“ für ihn dar. Alles verschwimmt, man fühlt sich stark. Während er zunächst die Verbindung von Männlichkeit und Alkohol zunächst nur in seinem Vater gesehen hat, der nach der Feldarbeit durstig die Kanne Bier trank, kann er diese Verbindung jetzt zum ersten Mal auch für sich selbst feststellen. Und so folgen immer wieder in der fortlaufenden Handlung, die sich stellenweise wie ein Abenteuerroman liest, immer wieder Hochs und Tiefs, die immer in Verbindung mit dem Alkohl stehen. So wird jedes Geschäft, das er eingeht mit Krügen von Bier oder Flaschen voll Whiskey besiegelt. Auf monatelangen Abstinenz an Bord eines Robbenfischers folgen ausschweifende Trinkgelage im japanischen Hafen. Sein Leben wird immer vom Alkohol begleitet. Mal ganz offensiv und ausgelebt, mal unter der Oberfläche, durch andere Süchte überdeckt. Und so tritt dann eine zweite, eine Ersatzbefriedigung in seinem Leben auf. Die geistige Arbeit und das Schreiben. Er, der mit 15 Jahren Besitzer eines eigenen Austernfischers geworden war, entschließt sich später, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er studiert wie ein Besessener. Er lernt zu schreiben, er möchte künstlerisch tätig werden und er ist immer auf der Flucht vor König Alkohol. Zeitweise gelingt es ihm auch, dem zu entfliehen, aber schlussendlich wird er immer wieder eingeholt.

Er zwingt sich zur Arbeit, er schreibt Geschichten über das was er selber erlebt hat. Über die starken Männer die an Bord der Robbenfänger arbeiten. Die in derbe Pelzmäntel gewandet im Yukon nach Gold suchen. Kilometerweite Strecken auf den Hundeschlitten durch die Kälte hetzen. Die gemeinsamen Trinkgelage im Saloon oder am Lagerfeuer, die fröhlichen Lieder, die üblen Schlägereien die Themen die sein Leben bis zu seinem Studium ausmachten. Und entgegen seinen Erwartungen wird er damit berühmt. Er wird zu einem arrivierten, gut bezahlten Schriftsteller, der seinen Platz in der höheren Gesellschaft gefunden hat. Er ist glücklich mit seiner Situation, aber trotzdem fängt er an wieder zu trinken. Und er steigert seinen Konsum. König Alkohol ergreift in der späten Phase seines Lebens wieder Besitz von ihm und er hat nicht die Kraft sich dagegen zu wehren. Das Buch schließt wie es anfängt, er legt dar, warum er für das Wahlrecht der Frauen stimmt, und damit auch indirekt für die Prohibition, mit der er viele junge Menschen vor den Verlockungen des Alkohols geschützt sieht.

Das Buch hat mich nachdenklich gestimmt. Sind das nur die vermeidlich altersweisen Ansichten eines Moralisten, der in seinem Lebensabend meint alle die nach ihm kommen vor Fehlern die er gemacht hat, bewahren zu müssen? Oder ist wirklich etwas dran, am „festen Griff“ des König Alkohol, der seine Untergebenen zu sich holt, seine Spiele mit ihnen treib und sie nicht mehr los lässt? Einerseits tendiere ich stark zu der ersten Variante, denn wenn Jack London von den vielen Gefallenen spricht, die der Alkohol dahin gerafft hat und von seiner eisernen Konstitution spricht die ihn hingegen vor dem Tod bewahrt hätte, drängt sich das Bild eines Mannes auf, der meint als alter und weiser Mensch nochmals den mahnenden Zeigefinger zu heben um zu sagen: „Guckt mal hier, ich habe Recht und ihr nicht!“ Andererseits ist da aber auch das Bild eines Menschen, der Zeit seines Lebens immer dann in den Exzess getrieben wird, wenn ihn etwas stark begeistert. So neigt er nicht nur dazu, zeitweise sehr stark zu trinken, sonder ist auch von seiner Arbeit so begeistert dass es fast schon krankhaft wirkt. Wie er zum Beispiel während seines Studiums nur fünf Stunden am Tag schläft, um in den 19 restlichen Stunden des Tages zu arbeiten. Das wirkt auf mich wie ein getriebener Mensch. Einer der nicht abschalten kann, einer der – sobald ihn die Leidenschaft packt – nicht mehr abschätzen kann, was gut und was schlecht für ihn ist.

Felix-Sebastian G.

Drucken/exportieren
QR-Code
QR-Code koenig_alkohol (erstellt für aktuelle Seite)