Patricia Grace: Potiki

Vorgestellt von Saskia Martens

He aha te mea tino nui i te ao? Ko te iwi.

(Was ist das Wichtigste auf der Welt? Es sind die Menschen.)

Nau mai! Kommt her und hört die Geschichte von Potiki. Denn es sind die Geschichten, die unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart zu einem gemeinsamen Jetzt vereinen. Doch die Geschichten bleiben nicht die Selben, sie verändern sich mit der Zeit und schreiben sich immer und immer wieder neu. Nun da auch ich Teil der Geschichte geworden bin, lasst sie mich euch erzählen, damit auch ihr ein Teil davon werdet.

Ko wai tenei? (Wer ist da?)

Es ist der Dollarmann, der eines Tages vor der Tür steht, um den Maori ihr Land abzukaufen. Das Land auf dem sie schon seit Ewigkeiten leben. Hier haben sie alles was sie brauchen, das sagt zumindest Hemi immer. Sie haben Felder, die sie bewirtschaften, sie haben das Meer und seine reichlichen Gaben, hier steht ihr Wahre Whakairo (Versammlungshaus) und was am wichtigsten ist: Sie haben sich gegenseitig. Und sie haben ihre Geschichten sie miteinander verbinden. Während um sie herum der Kampf um ihr Land in Gange ist, spielen sich die wirklich wichtigen Geschichten zwischen ihnen ab.

Es war einmal ein alter Schnitzer, der sein Lebenswerk das Whare Whakairo seines Dorfes nicht vollenden konnte. Er hatte keine Kinder an die er sein Handwerk weitergeben konnte. Ihm fehlte nur noch ein Poupou (aus Baumstämmen geschnitzte Figur im Versammlungshaus) zur Fertigstellung, doch er wusste, dass seine Zeit nicht ausreichen würde. Also traf er eine Entscheidung. Das letzte Werk das er begann, empfand er sich selbst nach. Er erzählte dadurch seine eigene Geschichte, obwohl man ein Poupou nach keiner Vorstellung bauen soll. Die untere Hälfte des Poupou blieb unvollendet. Eines Tages, sagte der alte Schnitzer, würde jemand wissen wie es auszusehen hätte und erst dann sollte es fertig gestellt werden.

Dass Toko noch lebte, war allein der Tatsache zu verdanken, dass Roimata im richtigen Moment aus dem Fenster gesehen und Tangimoana losgeschickt hatte, um sie sehen was ihre Tante Mary dort unten am Meer tat. Wäre das nicht geschehen hätte Mary Toko wie einen kleinen Fisch ins Wasser gesetzt und er wäre ertrunken. Doch nun waren sie eine große Familie. Roimata und Hemi mit ihren drei Kindern James, Tangimoana und Manu und Mary, Hemis Schwester, die nicht ganz bei Verstand war, mit ihrem Sohn Toko. Niemand wusste genau wie es gekommen war, dass Mary schwanger wurde und ein Kind gebar, aber es Granny Tamihama vermutet, dass ein Obdachloser, der sich jeden Sommer am Strand herum trieb, sich an ihr vergangen hatte. Toko sah Roimata und Hemi genauso wie seine Eltern an wie auch Mary. Er selbst hatte fehl gewachsene Beine und konnte nicht richtig laufen. Außerdem hatte er Probleme mit dem Herzen und durfte sich nicht überanstrengen. Doch Toko hatte eine Gabe, von der zuvor noch nie jemand gehört hatte, denn er konnte Geschichten sehen, die erst in der Zukunft geschehen würden. Ob es nun ein Fisch war, der sich ungewöhnlicherweise in der Bucht aufhielt und von dem er sich sicher war, dass er selbst ihn fangen würde mit seinen gerade einmal fünf Jahren oder eine rote Nacht. Die rote folgenschwere Nacht in der ihr Whare Whakairo von den Flammen eines schlimmen Feuers verschlungen wurde. Niemand konnte es beweisen, doch trotzdem waren sich alle sicher, dass der Dollarmann dafür verantwortlich war. Genauso wie für die Überschwemmung, die ihre Felder und ihr Urupa (Beerdigungsstätte) zerstört hatte, und die durch die Errichtung eines Dammes im Fluss verursacht worden war. Und das alles nur wegen des Landes, dass er so unbedingt haben wollte. Der Dollarmann kannte keine Grenzen, keine Gnade. Er war immer zu nur auf Fortschritt aus und verstand nicht, was das Land den Maori bedeutete. Er verstand nicht warum sie sein Geld nicht wollten und warum sie ein Leben in Armut dem Leben in Reichtum vorzogen. Die Maori ließen sich von all dem allerdings nicht entmutigen. Sie hatten Freunde, die von überall her kamen, um den Damm zu beseitigen und dass Whare Whakairo wieder neu aufzubauen. Sie vergruben die Überreste in der Erde, um auf Altem wieder Neues zu erschaffen, so wie es schon seit Ewigkeiten geschah. Das Einzige was sie noch aus den Trümmern retten konnte, war das unvollendete Poupou des alten Schnitzers gewesen. Es fand seinen Platz im neu errichteten Whare Whakairo. Unter im befand sich der Platz, an dem Toko bei den Versammlungen immer saß. Als dieser wegen seinem Herzen genau an diesem Ort starb und er schon zu seinen Lebzeiten so perfekt unter das Poupou des Schnitzers gepasst hatte, wurde ein weiteres mal ein Poupou einer Erinnerung nachempfunden und haben Toko und seine Geschichte ihren Platz im Whare Whakairo gefunden. Die Maschinen des Dollarmanns wurden kurz darauf von Unbekannten ins Wasser gefahren und die begonnenen Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Schließlich gab er auf und das Land um sie herum konnte sich wieder erholen. Die Maori glaubten fest daran, dass Aroha (Liebe) ihnen bei all den Problemen geholfen hatte. Nicht nur Aroha unter zwei Liebenden sondern Aroha zwischen ihnen allen. Denn sie waren eine Geheimschaft, die nicht mal ein Dollarmann mit seinem Geld und seinem Fortschritt auseinander reißen konnte.

He aha te mea tino nui i te ao? Ko te iwi.

(Was ist das Wichtigste auf der Welt? Es sind die Menschen.)

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