Arto Paasilinna: Vorstandssitzung im Paradies

Vorgestellt von Norman Klokow

„Vorstandssitzung im Paradies“ („Paratiisisaaren vangit“), erschienen 1974, ist einer der ersten Romane Paasilinnas, der mittlerweile zu einem der populärsten finnischen Autoren wurde, obgleich er in Finnland lange Zeit kaum Beachtung fand. Heute kann man das Werk durchaus als einen Klassiker der zeitgenössischen finnischen Literatur bezeichnen, aber ist es auch ein politischer Roman?

Ein Flugzeug mit einer Gruppe von etwa fünfzig skandinavischen Holzarbeitern und Hebammen sowie einiger weniger Ärzte stürzt auf dem Weg nach Indien mit dem Flugzeug über Indonesien ab. Die Notwasserung gelingt und die meisten Passagiere können sich ans Ufer einer scheinbar unbewohnten Insel retten. Da die Erwartung, alsbald gerettet zu werden, sich nicht erfüllt, sind die Passagiere und Piloten angewiesen, mit der spärlichen Ausrüstung, die mit an Bord war und überwiegend aus Intrauterinpessaren, Spiralen zur Verhütung, und Schwimmwesten besteht, sich mit der Situation zu arrangieren und eine Gemeinschaft zu bilden, um zu überleben.
Dies ist allerdings trotz der klar zu erkennenden Notwendigkeit alles andere als einfach. Die Gruppe besteht aus Personen unterschiedlicher Nationalitäten und Sprachen, besonders die Gruppen der Schweden und der Finnen sind groß, und so entstehen bereits die ersten Konflikte. Sollen alle die gleiche Sprache sprechen, die wiederum von manchen erst gelernt werden müsste? Muss eine Verkehrssprache festgelegt werden? Und auch andere Konfliktlinien werden sichtbar. Manche halten trotz der vollkommen veränderten Situation an den Traditionen ihres früheren Lebens fest, bestatten Tote etwa nach christlichem Ritus, während auf der anderen Seite die Gruppe der Pragmatiker ihr altes Leben beiseiteschiebt, da es ihnen auf der Insel und im Überlebenskampf nur Umstände bereitet.
Erst nachdem jedes Gemeinschaftsgefühl vollkommen erloschen ist, als die Lebensmittelvorräte knapp werden und jeder gegen jeden streitet, um noch etwas abzubekommen, die Gruppe geradezu in den Hobbes’schen Naturzustand zurückfällt, wird ihr, wie den Menschen der Annahmen der Vertragstheoretiker klar, dass so kein Überleben und schon gar kein lebenswertes Leben möglich ist.
So entsteht ein kleiner und einfacher Staat, der zuerst auf einer simplen Hierarchie und Arbeitsteilung beruht, aber nach und nach immer komplexer wird. Es muss ein Strafrecht geschaffen werden, denn was passiert mit jenen, die der Gemeinschaft und ihrem Geist schaden oder sich vollkommen unangemessen verhalten? Und es muss auch ein Legislativsystem erdacht werden, dass dieses und anderes Recht schafft. Und wer soll zuständig sein? In den ersten Tagen entschied man sich ohne große Wahlen für drei Anführer, aber sind diese die Richtigen für diese Aufgabe? Soll man Wahlen durchführen?
Der Staat unterscheidet sich von denen, aus denen die Abgestürzten stammen. Sie sind alle kapitalistisch geprägt, doch das kapitalistische Denken würde dem Überleben aller auf der Insel im Weg stehen. Es darf kein Konkurrenzdenken geben und so wird das Anhäufen von Privateigentum verboten. Die Gemeinschaft beginnt, in einer sozialistisch geprägten Utopie zu leben, sozialistischer als die sozialistischen Staaten in Europa, ganz ohne Polizei oder gar Geheimpolizei, ähnlich vielen Gemeinschaften traditioneller Kulturen.
Und dennoch wird schnell klar, dass noch weitere Errungenschaften der Moderne der Heimatländer auch auf der Insel nötig sind, aber durchaus für die Gemeinschaft genutzt werden können. Man hilft sich gegenseitig beim Hüttenbau und erschafft sogar ein Geldsystem, das in selbst gebranntem Kokosschnaps, mit dem die Arbeitsstunden für die Gemeinschaft bezahlt werden, besteht. Es sind aber nicht nur die Notwendigkeiten, die adaptiert werden, sondern auch schlichte Annehmlichkeiten, etwa das Halten von Haustieren.
Je länger die Gruppe auf der Insel verbringt, desto größer wird aber bei manch einem der Wunsch, gar nicht in das alte Leben zurückkehren zu müssen. Ist es in der kleinen Gemeinschaft mit ihrem einfachen Leben ohne die Annehmlichkeiten der modernen Welt, die doch gleichzeitig auch Belastungen sind, nicht eigentlich besser, schöner, angenehmer und lebenswerter?
Diese Frage ist es, die die Gruppe letztendlich doch wieder zu spalten droht. Sie arbeitet mehrere Monate daran, ein Notsignal aussenden zu können, aber sollte sie das überhaupt tun? Eine Volksabstimmung ergibt eine knappe Mehrheit: Ja. Und bald darauf treffen tatsächlich einige Schiffe der US-Marine ein, die die Abgestürzten aufnehmen wollen und deren Soldaten auf den Wunsch mancher, doch auf der Insel bleiben zu dürfen, nicht nur mit Unverständnis sondern auch mit Gewalt reagieren.
Das Leben auf der Insel, das Leben in der sozialistischen Gemeinschaft, in dem und der man sich eingerichtet hat, scheint viel freier, und diese Freiheit wird durch die vermeintlichen Retter nicht nur beschnitten sondern unterdrückt. Freiheit und Sozialismus gehen zu Ende. Und die Rückkehr in die Moderne fällt schwer. Kleidung scheuert, mit Besteck zu essen ist schwierig, wenn man es lange Zeit nicht getan hat, aber nach und nach nehmen doch einige der einstmals Abgestürzten ihr altes Leben wieder auf, kehren zu ihren Familien zurück und verschweigen wohl lieber ihre Gefühle und sexuellen Aktivitäten auf der Insel. Andere beginnen ein neues Leben, zum Teil auch miteinander, und ein Einzelner, der Pilot des Flugzeuges, kehrt sogar auf die Insel zurück und man soll nie wieder von ihm hören.

Paasilinna schafft es, auf weniger als zweihundert Seiten – und das alles ganz und gar nicht trocken und überhaupt nicht wissenschaftlich – einen einfachen Staat aufzubauen und ihn wieder einzureißen, er schafft es, die zur Zeit der Entstehung des Buches in den Siebzigern aktuelle Diskussion über den Gegensatz der kapitalistischen und der sozialistischen Weltordnung in kleinem Maße wiederzugeben, ohne einer real existierenden wirklich den Vorzug zu geben. Einen funktionierenden Sozialismus gibt es nur in der kleinen Inselgemeinschaft, im Großen scheint er nicht zu funktionieren, mit dem Kapitalismus ist es genau andersherum. Oder ist der Unterschied gar nicht so sehr zwischen diesen beiden Weltanschauungen zu suchen, sondern besteht im Gegensatz zwischen dem Leben Angehöriger traditioneller Kulturen und dem der Menschen des Atomzeitalters?
Aber die politische ist nur eine Lesart, eine andere ist das Verfolgen der Adaption von Teilen des Lebens in der modernen Welt für das Leben auf der Insel. Und man kann die „Vorstandssitzung im Paradies“ auch einfach als eine Aneinanderkettung von Abenteuern und kurzen Szenen auf der Insel lesen: Nur als Beispiele seien genannt der Kampf mit Haien, das Auftauchen eines Kampfhubschraubers der indonesischen Armee, der das Feuer eröffnet, das Hinzukommen eines desertierten Soldaten und sein Einbringen in die Gesellschaft und die Untreue, das Fremdgehen und die Eifersucht. Paasilinna bietet dies alles und würzt es mit einem gewissen Humor, der in seinem Schreibstil begründet liegt, aber auch in Anekdoten und Seitenhieben auf die finnische Landbevölkerung oder den ewigen Präsidenten Kekkonen besteht. Er verbindet die Unterhaltung mit tiefgründigen Ideen und Denkanstößen; in ihm steckt deutlich mehr als nur ein Autor von Unterhaltungsliteratur.

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